schon wieder ausschwärmen! Wie weit die gelockerten Bögen der Seele schwingen! Gibt es nicht Dinge, die mich näher berühren? Man sagt jetzt, der Volksgerichtshof würde uns nach Bayreuth folgen. Dann würde die Stadt auch noch den hochnotpeinlichen Ruhm finden, unsre Märtyrer- Gebeine zu beherbergen. Oder winkt uns in Bayreuth ein zweites Leben?
Die wichtigste Forderung des Tages heißt freilich: lebend ankommen. Mehr als einer kämpft den letzten, nackten Daseinskampf, und in Gefahr sind wir alle. Wen wird man morgen über den Bahndamm werfen? Heute sollen es neun gewesen sein.
Lieber lebendig hinaus! Eine Fluchtpsychose geistert durch die würgende Luft. Alle scheinen zu ahnen, daß sich etwas vorbereitet. Aber keiner überlegt. Nur die Instinkte sind wach. Wer hat die obere Seitenklappe der Wagenwand aufgerissen? Wer steckt da den Kopf und die Schultern in die Nachtluft hinaus? Schneller, schneller! Man drängelt nach. Einige sind wohl schon ins Ungewisse abgesprungen. Andere klettern und springen hinterher. Und wieder andre versichern später, sie hätten von einem großen Aufbruch zur Flucht verwirrend geträumt.
,, Franz, bist du noch da?" höre ich einen Schlaftrunkenen lallen.
Der Morgen graut durch die Ritzen, man reibt sich den Spuk aus den entzündeten Augen. Wo steckt eigentlich Dr. K., unser Arzt? Er fehlt, er ist heimlich auf und davon. Jetzt verstehe ich freilich seinen Seufzer, es sei zu grauenhaft, als Arzt nicht helfen zu können. Sein pessimistisches Gemüt hielt uns alle für Todeskandidaten. Da wollte er lieber allein in den Untergang springen.
Einen Tag später findet man ihn in einem Straßengraben liegen, er hat eine schwere Bauchfellentzündung. Aber der Pechvogel soll zuguterletzt doch noch ein gesundes Glückskind werden. Er fällt einer echten Sanitätskolonne in die Hände. Heil dem wackren Lazarattgehilfen, der heimlich den Arzt kurierte!
Wir vermissen diesen und jenen, der ihm gefolgt ist, jedenfalls ist so ungefähr ein Dutzend von uns ,, stiften gegangen". Der Herr Inspektor gerät aus dem Häuschen, sein Doppelkinn, das von der unterschlagenen Margarine täglich vollfetter geworden ist, läuft in Angst und Arger blaurot an. Wir bleiben auf der Station. Er donnert über den Schotter. Er brüllt, wir seien Verräter, weil wir nämlich die entwichenen Kameraden
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