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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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fliegen. Sie könnten die Säcke gleich aus der Luft entleeren, vielleicht über den früheren Exerzierplätzen, das gäbe dann mal einen sympathischen Hagel. Im übrigen pachte ich sofort nach dem Kriege den Spreewald und verwandle ihn durch Höhensonne in eine tropische Kaffeeplantage. Und statt der sauren Gurken, die bisher im Spreewald wuchsen, ziehen wir dann süße Ananas. Tropische Oasen in Deutschland - das ist die nächste große Sache, die ich ankurble. Ich lasse mir jetzt nämlich die Umwandlung der Sonnenenergie in Höhensonne patentieren."

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Wenn ich Charlies magischen Haarschopf betrachte, dann wundre ich mich nur, daß er nicht auch wie sein berühmter Vorläufer Münchhausen, der sich am Schopf aus dem Sumpfe zog, einfach an diesem phantastischen Schopf aus dem Knast­sumpf des Kahnorkus klomm.

Wer Charlie wirklich war, haben wir nie erfahren. Später stellte er sich tatsächlich den Amerikanern als amerikanischer Fliegercaptain vor, obwohl er kein Wort Englisch konnte. Er zwang ihnen wochenlang seine Suggestionen auf. Nach einigen weiteren Münchhausiaden landete er dann wieder, da ihm kein Psychiater Hilfe brachte, dort, woher er gekommen war, hinter den schwedischen Gardinen.

Ein Gegenstück zu Charlie bildet ein sozialistischer Arzt, der bei unsern Lagebesprechungen die Rolle des Schwarzsehers spielt. Dr. K., ein überscharfer Analytiker jeder sozialen Wirk­lichkeit, war entschieden ein politischer Pechvogel. Als radi­kaler Marxist emigrierte er dreiunddreißig ins Elsaß, vierzig nach Jugoslawen, einundvierzig nach der Ukraine . Überall war ihm das Hakenkreuz auf den Fersen. Er verspricht sich in unserm Erdteil nichts Gutes mehr und fürchtet, die faschistische Krankheitsperiode Europas könne noch Jahrzehnte dauern. Täglich ist seine Stirn von neuen, tieferen Erwägungen zer­furcht. Seine nächstliegenden Sorgen sind die Seuchen, dann fürchtet er für unsere allgemeine und seine besondere Geistes­verfassung. Bakterien und Chimären haschen nach uns. Und dann würden alle Kahntransporte ab Magdeburg von den Bombenfliegern restlos erledigt. Im übrigen müssen wir in spätestens neun Tagen verhungert sein. Und wenn wir auch dann noch nicht tot sind, so gibt es unweigerlich nach dem Zusammenbruch des Hitlerismus einen unvorstellbaren Bürger­krieg. in dessen Blutmeeren die letzten Deutschen umkommen müßten.

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