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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
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Jetzt fällt mir aber ein passendes Wallenstein- Zitat ein: ,, Eng ist die Welt, doch das Gehirn ist weit, und hart im Raume stoßen sich die Sachen." Die enge Welt der Tiefe besteht aus zweietagigen rohen Balken- Verschlägen, niedrig wie Hunde­kojen. Die Sachen, die sich hier hart im Raum stoßen, sind in der tropfenden Dunkelheit nicht zu unterscheiden, in der Haupt­sache dürften es spitze Schrauben, Kohlenkrümel, Nagelschuhe und menschliche Ellenbogen sein. Armes Hirn, hier hilft kein Wahn und keine transzendente Weite.

Unser Lager bildet ein Papiersack, bitte, die Finger fühlen es nicht nur die Sacktextilie ist aus Papier, sondern auch die Füllung besteht aus Papierschnitzeln. Das Bett hat nicht nur eine sehr zähe Substanz, sondern auch den Vorzug der leichten Lösbarkeit in den emsig aus allen Richtungen quellenden Wasserrinnen. Man ruht also zwar in keinem Feder-, aber in einem Breibett; einer, an dem ein Nazi- Propagandist ver­loren ging, behauptet kühnlich: ,, nasse Papiermasse soll ähn­lich wie Moorschlamm ein ausgezeichnetes Mittel gegen Rheu­matismus sein."

Als sich die Wellblech- Luke über der Dachmitte dröhnend schließt, wird es in den Kojen stockfinster. Aber ein un­sichtbares Bataillon von Kehlen krächzt heiseren Lebenswillen durch den Riesensarg. Irgendwo klappern leere Konserven­büchsen als Behälter der Notdurft. Sie reihen sich bald zu einem infernalischen Quellstrom des Gestanks und der Bos­heiten zusammen.

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Da

Der Mensch ist ja, wie schon die alten Griechen gemerkt hatten, ein Gemeinschaftstier und hockt auf dem Haufen. Dunkel zuckt erstickendes Gelärm. Wie aus einem Gummisack faucht tote Luft aus den Bronchien des Lebens. sitzen nun die schwersten politischen Jungen, fast alles Todes­kandidaten, unbewacht und unbeobachtet wie in einem parla­mentarischen Couloir zusammen! Eng ist dieser Kahn fürwahr, aber der menschliche Geist ist weit, schweift unendlich über Fronten und Grenzen um den Erdball. In diesem Schiffsrumpf, der durch das abendliche Treibeis der Havel zieht, fiebert jetzt die Freiheit, während draußen die deutschen Normalgehirne geknebelt sind. Hier ist jede politische Meinung erlaubt und erwägenswert. Hier wuchert üppige Demokratie. Ist Eisenhower ein vorsichtiger Feldherr? Wie denken Sie über Stalins diplo­matische Taktik?

Und was war eigentlich am 20. Juli in Deutschland los? Wir

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