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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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wir wie im Gefängnis in der Mehrzahl Kriminelle wären! Vor Kriminellen fürchtet sich der Hitler nicht. Die ältesten Partei­genossen waren doch gelernte Langfinger und Homosexuelle."

Wir halten mit jähem Ruck in einem verwüsteten Gelände. Chaos in allen drei Dimensionen. Es ist eine gründlich desorganisierte Gegend, gewissermaßen eine neue totale Raum­losigkeit. In der Höhendimension wird die Zerstörung durch verbogene Hebekräne repräsentiert. Dies war einmal der Ber­liner Westhafen. Der Zufall will es, daß ich ihn vor zwanzig Jahren mit eingeweiht habe. Die Seidenröhren der Festteil­nehmer funkelten mit den Aufstiegs- Parolen um die Wette. Dann frühstückten wir Caviarbrötchen mit einem Glas Sherry . Jetzt fällt mir ein, daß ich meine Morgen- Kuhle im Eifer des Aufbruchs ungegessen und unverhökert in der Tegeler Lazarett­zelle gelassen habe. Welch ein Leichtsinn!

Vor uns stolziert in nervösen Schritten ein Herr im Jäger­hütchen mit hohem weißen Stehkragen und blanker Aktentasche. Die Lippe ziert ein struppiges Führerbärtchen, auf der Mantel­klappe leuchten die Abzeichen der N.S. - Gesinnungsindustrie. Es soll ein Staatsanwalt oder ein noch höheres Staatstier sein. Zuweilen späht er in die Tiefe des Gewässers, in der einige Kohlenkähne schlummern. Eine winterliche Wasserpartie auf den Havelseen? In einem Schlepper hämmern Dieselkräfte. Wohin? Wohin?

Aus hellgrauen Nebeln quillt ein schmaler, langer Menschen­zug, die Reihen wirken seltsam verkrampft. Welch gespensti­scher Pilgerchor! Frauen sind es, zu zweien an je einem Hand­gelenk durch die Stahlfessel zusammengespannt. Alle Lebens­alter vom Mädel bis zur Greisin, Blondzöpfe und weiße Strähnen, bilden Glieder an einer Leidenskette.

,, Unsere Damen!" ruft winkend mein Nachbar. ,, Die Damen vom Volksgerichtshof ." Hat man sie tatsächlich aus dem Frauengefängnis in der Barnimstraße gefesselt in Marsch ge­setzt? Es ist, wie sie später erzählen, kein Propagandamarsch für das Goebbels - Berlin gewesen; dem volks- und zeitgenössi­schen Publikum war ziemlich unheimlich zumute.

Sollen wir die Kahnfahrt in Damenbegleitung machen? Auch die Meinige müßte darunter sein! Seit wir uns vor acht Monaten auf der Fahrt zum Volksgerichtshof in dem sommerglühenden, rollenden Käfig wiedertrafen, haben wir nichts Sicheres von­einander gehört. Man hat meiner Frau erzählt das erfuhr ich durch Andeutungen in den Sprechstunden- ich sei ein

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