Höllenfahrt zu Wasser und zu Lande
Sechs Monate und sieben Tage hatte ich in der essigsauren Schwüle des Tegeler Gefängnislazarettes gelegen, ein freiwilliger Kranker, denn gesund zu sein, von amtswegen gesund zu sein, bedeutete für mich den sichern Tod.
Nun stand ich leicht schwankend im Winde des Februarmorgens; der Himmel wischte mir mit blauen und grauen Tüchern die Stirn. War das Gefüge meiner Gedanken noch festgebaut wie die Knochenwand über der Schläfe? Meine Finger spielten immer wieder mit der goldenen Uhr in der Rocktasche. Sie tickte, sie zeigte 8 Uhr morgens, ich hatte sie nach einer Anstaltsuhr gestellt. Gerade vor einer Stunde hatte ich sie zurück bekommen, es gab wieder winderfüllten Raum und tickende Zeit. Es gab sogar einen Sekundenzeiger! Wie der sich beeilen mußte, um nicht den Anschluß an die Weltordnung zu verlieren! In den Eiskellern des Sicherheits- Hauptamtes, in den Wanzenbrutstätten der unergründlich verschmutzten Lehrterstraße schufen nur Kälte und Hitze, Qual und Wut einen Pendelschlag zwischen gestern und morgen.
,, In drei Gliedern antreten!" Mein Gott, ich war wieder Mann in einer Masse, ein Gefangener zwar und einer aus dem Abschaum der Gemeinschaft, einer, der nicht einmal Herrn Hitler Heil wünschen darf. Aber ich bin doch wenigstens als Verbrecher ein Mann, der ernst genommen wird, der immerhin das Recht hat, von den Beamten des Großdeutschen Reiches mißhandelt zu werden. Ein halbes Jahr und länger war ich nur ein Narr der Gerichtsmedizin, ein lebender Lazarettkadaver mit einem scheinbar zerbrochenen Geistes- Uhrwerk im Schädel.
,, Na, woll'n Se mal Ihre Lumpen festhalten, Sie blöder Opapa!", raunzt es aus einer schiefen Wachtmeister- Visage. Mein Kleiderbündel ist aufgelockert, ein Strumpf hat sich im Straßenkot selbständig gemacht, sinnlos quellen die Krawatten und manche andre Überflüssigkeit. Mich läßt es gleichgültig, denn meine Augen haben drüben an der Straße ein Kind er
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