Druckschrift 
Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
144
Einzelbild herunterladen

kenne mich nicht mehr, das ist eine fremde Fratze. Beinahe wäre mir der Spiegel aus der Hand gefallen.

Meine Mutter versteht mich sofort, sie meint, man wundre sich immer über sich selbst, wenn man sich eine Zeitlang nicht im Spiegel gesehen hätte. Ich sollte aber beruhigt sein, ich wäre nicht mehr wie im Sommer ein bloßer Schemen meiner selbst. Ich bin wieder eine umhegte Persönlichkeit, aber eine ab­gründige.

Es kommt mir plötzlich vor, als ob die beiden heimlich das Gewebe meines Geistes abtasten. Sicherlich tun sie das, sie machen sich ja Sorgen. Zum mindesten möchten sie doch prüfen, ob das Verrücktspielen meinem Verstand nicht schadet. Ich bin nur noch ein menschliches Bündel für Beobachter. Mich quält das.

Ich spüre einen manischen Trieb, vom Stuhle zu springen und durch den Raum zu rasen. Aber während ich die Ver­suchung mühsam unterdrücke, empfinde ich immer krasser das Groteske meiner Situation. Dabei stöhne ich auf: ,, Ach, nur einen Tag lang möchte ich unbeobachtet durch die Gegend schlendern!"

,, Wenn du jetzt draußen wärst, müßtest du mit diesem Volkssturm marschieren", sagt meine Mutter. Aus ihren Worten höre ich heraus, daß man ,, draußen" diesen so­genannten Volkssturm, den ich nur aus der Zeitung kenne, auch nur als heroisches Narrenspiel wertet.

So klammere ich mich an das einzige pflichtmäßige Spiel, in dem ich noch mitspiele.;, Für mich gibt es nur noch eine Auf­gabe", erwiderte ich düster. ,, Ich muß mich mit meinem Leiden beschäftigen. Ich bin doch hysterisch."

Wer sagt das?", fragt meine Mutter mit dem spitzen Lächeln der Ungläubigkeit.

,, Unser weiser Medizinmann! Seine ärztliche Autorität der Herr Sachverständige des Volksgerichts", erkläre ich sarkastisch durch die Zähne.

,, Herr Obermedizinalrat Doktor Büttenberg", sagt meine Mutter mit Nachdruck. Sie ist noch aus früherer Zeit gewohnt, alles Amtliche ohne Rücksicht auf den Wert sehr korrekt zu nehmen. ,, Der Herr Obermedizinalrat will mich jetzt gleich empfangen. Wir dachten schon, unser Besuch würde nicht mehr nötig sein, nachdem wir ihn vor fast drei Monaten verfehlt hatten. Aber jetzt bat er dringend um einige Bücher von dir. und ich bringe sie ihm heute."

144

4

"