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in mildem Bedauern auf mich ein: ‚Warum quälen Sie sich so? Ich tue Ihnen doch nichts, kein Mensch tut Ihnen was.“
Er wirft in ein zweites Glas eine Droge, gießt Wasser zu und rührt um. ‚So, das können Sie wirklich trinken, das ist ein Gegenmittel.‘‘ Ich zögere noch ein wenig, sehe ihn ver- schüchtert an und trinke mit langsamen Ruck-zuck. Es schmeckt ätherisch, ich merke eine entspannende, ausgleichende Wirkung oder ich bilde sie mir wenigstens ein. Holla! Obacht, daß du nicht die Maskierung verlierst!
Wie nett und wohltuend würde es sein, wenn man jetzt mit
- Herrn Dr. Büttenberg als vernünftiger Mensch ein bißchen
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plaudern dürfte, zum Beispiel über das interessante wissen- schaftliche Problem der Halluzination beim normalen Menschen. Oder noch näher läge ganz einfach die Frage nach den Kriegs- aussichten. Glaubt er wohl, daß die deutschen Nazi-Armeen am Westwall dem Ansturm der Angloamerikaner endgültig Halt gebieten können? Er glaubt es wohl nicht, ich halte ihn für zu klug. Oder glaubt er an die Vernunft der Gerichts- medizin, die mich zwingt, ihn hier zum Narren zu machen, weil ich keine Lust habe, dem bankrotten Hasardeur Schicklgruber, genannt Hitler , meinen Kopf zu opfern?
Um solchen natürlichen Fragen nachzuhängen, habe ich jetzt Zeit genug, denn ich sitze wieder still in Kummer versunken artig auf dem Krankenstühlchen und brüte Schwermut.
Ihm aber gönnt die Problematik meiner Krankheit keine
- Ruhe. Er möchte zu Schlüssen kommen. Dazu steckt er sich
eine Zigarette an und raucht sie mit hastigen Zügen. Als er den Rest zerdrückt hat, langt er seufzend nach der zweiten. Beinahe könnte mich meine Erziehung zur Höflichkeit ver- führen, ihm Feuer zu geben, denn die Streichhölzer liegen jetzt näher bei mir als bei ihm. Nein, bloß nicht, ich blase Trübsal und habe geistig abwesend zu sein!
Dr. Büttenberg kommt noch immer nicht mit sich ins Reine, Ich möchte ihm helfen, ich kenne den Fall ja besser. Bitte, schreiben Sie: vor vierzehn Tagen zeigte er deutlich manische Symptome,'heute äußert sich sein Gemütsleben als Schwermut, verbunden mit verschiedenen halluzinatorischen Angstaus- brüchen. Wir haben es mit einem ziemlich durchschnittlichen Fall von manisch-depressivem Irrsinn zu tun—
_ Aber Büttenberg schreibt nicht. Er spitzt in einer labilen Willenshaltung schon zum zweitenmal seinen Bleistift an. Seinen Füllfederhalter hat nämlich in voriger Woche der zer-
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