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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
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"Ich kann als ‚‚Untersucher denVölkischen Beobachter' ver-

langen, um ihn zwischen den Zeilen zu lesen. Glauben die etwa, ich sei nicht verrückt genug für dieses Blatt? Das darf ich mir als Manischer nicht gefallen lassen. Als Melancholiker könnte ich höchstens darüber weinen. Bei nächster Gelegenheit springe ich in den Korridor und beginne, die Stimme allmählich stei- gernd, zu schreien:

Wo bleibt meine Zeitung meine Zeitung muß ich haben meine Zeitung wo bleibt meine Zeitung was gibt es Neues in der Zeitung?...

Sind Sie varrikkt geworden, hallt es antwortend um die Ecke. ‚Schweinerei ist das.

Aha, die Schweinerei ist der Lieblingsbegriff des Hilfs- wachtmeisters, der gleich am ersten Tage den freundlichen Wunsch ausdrückte, mich solle der Henker holen. Das könnte dir so passen. So weit sind wir noch nicht. Nein, ich bin mutig, ich schreie noch einmal: ‚Was gibt es Neues in der Zeitung?

Jetzt kommt er ganz nahe und befiehlt:Nehmen Sie mal die Brille ab! Ich gehorche.

Aber er schlägt nicht. Er stiert mir nur zornig in die Augen und dann in den Halsausschnitt, zuletzt in das Hosenloch über meinem Knie. Er möchte mich am liebsten inwendig inspizieren. Sie nennen ihn hier ja dieFilzlaus ®»weil er bei der Zellen- revision die Gepiiogenheit hat, mit den Fingern bis in die hintersten Ecken der Wandspinde zu wühlen.

Wahrhaftig, eine Filzlaus! Ich breche in mein schönstes manisches Gelächter aus. Nun macht er fuchswild kehrt und läuft den Herrn Verwalter holen.

Nach einigen Minuten, während ich noch immer vorschrifts- widrig und feixend im Korridor stehe, kommt der Verwalter bedächtig die Treppe herauf. Er ist allein, er hat die Filzlaus unten gelassen. Sieh da, er hält unterm Arm einen Packen mit mehreren Nummern desVölkischen Beobachters.

Herr Schultze-Pfaelzer, Herr Doktor, sagt er mit ruhiger Bestimmtheit.Wir wollen doch mal vernünftig miteinander reden. Sie sollen Ihre Zeitungen haben, hier sind sie. Sie sollen sie jeden Tag bekommen. Aber Sie müssen mir ver- sprechen, daß Sie mir kein Theater machen. Ich habe meine Arbeit und will nicht gestört sein. Was Sie mit den Ärzten machen, geht mich nichts an. Ich bin nicht Arzt, ich bin Ver- walter. Ich lege Wert darauf, daß mir keiner rumtobt oder die

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