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Ich muß die Technik der Verrücktheit lernen, das wird sehr mühsam sein. Ich muß mich selber besser belauern können, als es die andern tun.
Wo liegen die Grenzen der Psychiatrie? Ich glaube, die Psychiater wissen vom Menschen auch nicht mehr als die Philosophen.
Zu allererst müssen die andern überhaupt zur Kenntnis nehmen, daß ich verrückt geworden bin. Wie sag' ich's meinem Kinde? Zuerst muß ich's Herrn Freisler , wissen lassen, damit er mich auf meinen Geisteszustand untersuchen läßt. Ich werde ihm ein Briefchen schreiben, ein reizendes Briefchen, an dem er seine Freude haben soll.
Das ist leicht gesagt und schwer getan. Eine lange Geduldsprobe, bis ich Schreiberlaubnis, Briefpapier, Tinte und Feder zusammenorganisiert habe. Es dauert volle fünf Tage, und als ich dann loslegen will, streikt die rostige, brüchige Feder. Ich finde also reichlich Zeit, den Brief an Freisler im Geiste immer wieder neu zu schreiben. Was ich schreibe, darf nicht einfach Blödsinn sein, sondern muß gewissermaßen ein richtiger Blödsinn werden, ein psychisch beglaubigter Quatsch.
Wir brauchen also zunächst ein Motiv mit krankhaftem Einschlag, und es muß dem Juristen wie dem Psychiater naheliegend erscheinen. Ein solches Motiv ist die Angst. und zwar eine Angst, die wahnhaft über die Wirklichkeiten hinausgreift und sie verwechselt. Eine Dosis bittre, schwarze Galle darf in die Tinte des Briefschreibers einfließen, damit die melancholische Depression auf Grund von heftiger Gemütsüberreizung ihren Niederschlag findet. Aber ich muß mich hüten, meine Gegner auf billige Weise anzupflaumen. Nein, gerade in meiner neuen ,, Krankenunschuld" muß ich bescheiden sein.
So konstruiere und dichte ich an dem Briefinhalt, tagelang, nächtelang. Als ich dann endlich alles Schreibmaterial beisammen habe, bleiben mir zur Niederschrift nur zehn Minuten Zeit, da die Tinte sofort wieder woanders gebraucht wird.
Da steht nun schlicht und deutlich zu lesen, daß ich wachsende Angst vor den bösen Bolschewisten hätte, die mich schon seit Jahren ins Bein beißen. Ich bäte den lieben Volksgerichtshof, mich doch endlich etwas besser zu verstecken. Da der Herr General Freisler neulich so freundlich zu mir gewesen sei, hoffte ich, daß er meine Verfolger bald verhaften ließe. Er möchte sich doch mit meinem Anwalt in Verbindung setzen, dem ich den Befehl gegeben hätte, noch einmal nach Stockholm
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