das Bündnis mit allen großen Geistern, ich leihe mir gern die Hilfe der alten Autoritäten. Man ist nicht mehr einsam, wenn man sich von den Meistern bekräftigen läßt, daß uns das gleiche Erlebnis vereint.
Die Tage lösen sich auf in linienlose Leere; wann werden sie wieder Konturen bekommen? Seit meine Schmerzen linder wer- den, ersehne ich Ereignisse. Das Leben bedarf der Akzente. Hinter den abfallenden Schalen der Dinge muß endlich..ein Kern zum Vorschein kommen.
Heute schreiben wir den 20. Juli, es scheint ein Tag wie andere zu sein.
Lautlos wuchs die Glut des Tages, und lautlos sank sie wie- der ins Ewiggleiche der Nacht. Kein Knall zerriß den grauen Gummi dieser Stille. Die Wende des neuen Lichts bringt end- lich den 21. Julimorgen.
Wird das heute wieder ein Schmerzenstag? Meine Nerven‘ vibrieren in Erwartung. Irgendwo klirrt eine Eisentür, und ich spüre zusammenfahrend einen Stich bis in die Zehen.
Sie kommen noch immer nicht mit dem Morgenbrot. Endlich schwappt das braune Kaffeewasser aus dem Kessel in meine Schale, ich höre draußen ungewohntes Gemurmel und erhasche noch einige Gesprächsfetzen—„alles durcheinander"- „immer noch nichts Genaues, wer nun ermordet ist.‘
Dann schlägt ein Stiefelabsatz gegen meine Tür, und eine unbekannte Stimme ruft durch den kleinen Glasspion:„Hallo, Mann— sie haben auf den Hitler geballert—“
Meine Gedanken spannen sich wie gereizte Tiere im Käfig.— Geballert!— Ist er getroffen? Man weiß wohl noch nichts Genaues. Ich versuche eine logische Kette zu schmieden: Es muß sich um ein Attentat auf Hitler handeln, er muß verletzt sein, es muß ein größerer Menschenkreis in Mitleidenschaft gezogen sein, sonst würde man die ganze Sache geheimhalten wie in früheren Fällen, von denen ich wußte—
Wie das durch meinen Schädel wirbelt, wie die Gedanken doch zu Bestien werden und alles überrennen! Das sind nicht mehr die dünnen Scheidewasser des Denkens, das ist der Ur- strom der Instinkte—
Die Lavaworte Heinrich von Kleists gegen den Bedrücker von damals mobilisieren sich auf meinen Lippen:„Schlagt ihn tot, das Weltgericht fragt euch nach den Gründen nicht.“
Ich war lange ein theoretischer Gegner des politischen Mor-
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