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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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Meine Lippen hauchen die schmiegsamen Silben, und Gott Phantasus dichtet weiter um, ich verhalte mich schöpferisch. Und ich fühle, wie dabei die schlaffen Adern praller werden, wie der Flugwind der Seele auch den Puls des Blutes treibt. Der Pegasus beflügelt meine Schenkel und trägt mich in das Land, das keine Hämorrhoiden kennt.

Ach, ich möchte meine sämtlichen Werke umdichten, das Leben hat unendliche Variationen, und der Geist kann alte Bindung lösen, um sie anders zu knüpfen. Jede Stimmung hat hundert Reizschwellen, man kann sie zu anderen Höhen lenken, und man kann sie wieder im Silber der Ferne verklingen lassen. Die Welt ist Rausch, die Krankheiten quellen wie Perlen.

Ja, es ist eine Wollust, aus der Zone der Krankheit Schaf­fensgefühle zu sublimieren. Man verdichtet, umdichtet diese Welt und jene, man ballt sie zu Bomben, man trennt sie zu fliegenden Fahnen, man baut sie zu Türmen und reißt die Mauern ein, man baut aus Regenbögen Brücken über jede Kluft. Man sucht Erlösung in neuer Geburt, man sucht sich selbst zu vollenden, indem man zerstört und Auferstehung posaunt.

Das Suchen und Schaffen im Material der Seele wirkt wie ein Heilungsprozeß. Eine Entzündung hat mich befallen, in der die innersten Krankheitsstoffe herauseitern. Die Verse eines Ver­femten fallen mir ein, eines großen Kranken, den ich jetzt schon deshalb so liebe, weil sie ihn so hassen:

Krankheit ist wohl der tiefste Grund Des ganzen Schöpferdrangs gewesen. Erschlaffend konnte ich genesen,

Erschlaffend wurde ich gesund.

Es ist der kranke Jude Heinrich Heine , der in seinen Schöpfungsliedern dieses Bekenntnis fand. Vielleicht würde er heute vor Lachen gesund werden, wenn er wüßte, daß diese Hakenkreuzler sein schönstes Lied mit dem Vermerk abdrucken: Deutsches Volkslied, Dichter unbekannt.

Übrigens ertappe ich mich in der Gefangenschaft immer häufiger beim Zitieren von Sprüchen und Versen aus dem Schatze der Kultur. Früher habe ich solchen Gedankenschmuck geflissentlich gemieden, sobald er in meinem Bewußtsein auf­glänzte und sich zur kostenlosen Benutzung anbot. Lieber mühte ich mich um eigene Formung, auch wenn sie viel schwäch­licher blieb. Aber jetzt in einsamer Drangsal beglückt mich

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