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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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Kalorienwert. Entweder gibt es gelbes Wasser von uraltem Sauerkohl oder grünes Wasser von frischen Spinatstrunken. Aber ich könnte diese beizenden Suppen eimerweise saufen. Jawohl, ich würde ganze Eimer, ganze Fässer, ganze Bassins davon vertilgen! Und wenn mir schon der Bauch geplatzt wäre, ich würde weiterschlürfen!

Der Herr über diese wäßrigen Herrlichkeiten ist der Ober­kalfaktor, er hat diese bunte Brühe in vollen und halben Kesseln zu verschenken. Wenn er zum Beispiel draußen durch das Gehege der Treppen brüllt: ,, Aujust, noch' n halben!", so ver­nimmt man mit ehrfürchtiger oder ergrimmter Gier, daß der Gewaltige sich heute herbeiläßt, an einige Günstlinge des Schicksals diverse Nachschläge in die Schüsseln zu kellen. Einen halben Kessel zum Nachschlag nach Gunst und Laune hält er meistens in der Hinterhand. Eigentlich soll jeder mal dran­kommen, aber wer nicht in der Gnade steht, hat sehr, sehr wenig Aussicht.

Unser Oberkalfaktor ist ein Kriegswirtschaftsverbrecher von der besseren Sorte, er war jahrelang gewerbsmäßiger Schwarz­schlächter, und ein paar kleine Urkundenfälschungen sind ihm dabei auch mit unterlaufen. Er trägt einen prächtigen, prallen Wanst und einen geröteten Rüsselkopf, an dem be­sonders der breite Faltenwurf unter den Ohren etwas Schweine­mäßiges hat.

Man denke ja nicht, daß er von den Wassersuppen, die er zu verzapfen hat, so fett geworden ist. O nein, er findet in der Küche weit bessere Sachen, er handelt beim Gärtner mit Tabak, beim Hausvater mit Sprit, im Lagerkeller mit Bouillon­würfeln. Er selber friẞt Karnickelbraten aus dem Wacht­meisterstall. Er schlachtet nämlich die Viecher und verschiebt auch noch die Felle.

Heute läßt er sich wieder mal dazu herab, mir einen privaten Besuch in der Zelle zu machen. Ich muß zunächst vernehmen, daß die große Tube Zahnpasta, die ich ihm schenkte, um ihn gnädig zu stimmen, nicht viel taugt.

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,, Hm, prima siehste nich aus." Mit geringschätzigem Be­dauern taxiert er den blassen Rest meines Lebendgewichts. ,, Weßte wat, ik mechte dir helfen. Morjen macht'n Freund von mir wech. Der könnt'' n bisken Jold gebrauchen. Wenn dein Ring echt ist, wär da vleicht wat zu machen. Also zeig' schon det Ding mal her."

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Er streift mir, ehe ich mich dazu äußere, den Trauring von