„A191 zur Zentrale kommen“, schrillt es durch die Menagerie.
AI 91, das bin ich. A ist mein Flügel, II ist mein Stock- werk, 91 meine Zellennummer.
Also strample ich die steile, glatte Eisentreppe herunter; es muß sehr fix gehen, sonst muß ich nämlich nochmals heraus, im Sauseschritt herunter und wieder herauf und herunter. Wenn man nämlich an den richtigen Kerl gerät, wird hier viel böser geschliffen als auf dem Kasernenhof. Die grünen Justizler haben jetzt auch schon Hunger, und die Bestien unter ihnen sättigen sich am liebsten durch Sadismus.
Bei jedem Schritt in die Tiefe der Treppenhalle fahren mir schnelle Dolche und langsame Bohrer ins Gesäß. Diese ver- dammten Kreislaufstörungen, das kommt davon, wenn man monatelang gefesselt war. Und die Fessel kommt vom Terror wie die Armut von der Powerteh.
Ich möchte aufbrüllen vor Schmerz, noch lieber möchte ich mich in die Tiefe stürzen. Aber der Blick in die Tiefe ist trügerisch. Überall sind gegen Selbstmordgelüste Drahtnetze aus dünnem Stahl gespannt, ich würde mir nur das Nasenbein und die Kniescheibe brechen, und das lohnt nicht, damit käme ich vielleicht noch nicht einmal ins Lazarett.
In der Besuchszelle wartet mein Anwalt. Er macht ein Ge- sicht, als hätte ihn der Freisler auch schon in den Fingern. Und so ist es auch. Er will ihn allerdings nicht verhaften, sondern im Gegenteil entlassen. Er hat ihm die Sache Schultze-Pfaelzer entzogen und möchte ihn sogar von der Liste der Anwälte beim Volksgericht streichen lassen.
Was ist der Grund? Er hat sich ärgern müssen, hat sich überrumpeln lassen, und das verträgt ein Freisler nicht. Eigent- lich hat er sich über den General geärgert, aber an den kann er vorläufig nicht heran. Doch dem Anwalt kann er an den Magen fahren. Was hat der doch gesagt? Die Sache Schultze- Pfaelzer sei noch nicht prozeßreif, hat er gesagt. Das ist eine unerlaubte Kritik, das ist eine Herausforderung des Senats, das ist politische Unzuverlässigkeit. Wir werden ihn kriegen!
Der Mann hat mal vor fünfzehn Jahren eine rechtsphiloso- phische Schrift veröffentlicht, die entpuppt sich jetzt als libera- listisch verseucht. Und so einer hat sich in die Anwaltschaft des Volksgerichtshofs eingeschlichen. Raus mit ihm!
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