Wie ein Flimmerbild zerstiebt das Gericht. Der Oberreichsanwalt zieht unter seiner roten Robe eine sorgsam verpackte Frühstückssemmel vor und betrachtet sie mit Andacht, ehe er hineinbeißt. Es muß eine knusprige, dickbelegte Semmel sein, sonst würde er sie nicht mit solchem Behagen anbeißen. Und plötzlich überfällt mich wieder der Heißhunger. Warum reiße ich ihm nicht die Semmel weg? Der Hund! Wie kommt er zu der Semmel?
Alle meine Sinne kreisen um die guten Bissen. Wo hat er die Semmel her? Hat ihm vielleicht die schöne Frau des Admirals diese frische Semmel in Potsdam an die Bahn gebracht? Als heimliche Liebesgabe? Wie ich ihn beneide, nicht um die fremde Frau, die soll er haben, nur um die Semmel, die Semmel!
,, So kommen Sie doch", sagt mein Verteidiger. Ich starre noch immer auf den Semmelfresser in der roten Robe, der ungeniert an seiner Semmel kaut. Warum frißt er keinen Teppich! Freẞt doch, freẞt! Freßt die Teppiche, die Menschen, die Städte, die ganze Welt! Um mich herum wird alles zum Teppich, ich rolle mich ein. Da packt mich der Anwalt beim Arm. Ich stehe also doch auf beiden Beinen.
Freisler, der den Purpur noch einmal über die Schultern rafft, will in Hoheit an uns vorüberrauschen. Da tritt ihm Klaus mit seiner ,, grinsenden ostbaltischen Dickfelligkeit" entgegen. Wahrhaftig, in diesem Augenblick trifft die Glosse des Präsidenten zu.
,, Entschuldigen Sie schon", er zieht dabei ein zerbrochenes Brillengestell aus der Rocktasche und hält es dem großen Gerichtsherrn vors Gesicht. ,, Der Herr Gefängnisinspektor will meine Brille nicht reparieren lassen. Mir steht die Beschwerde beim Gerichtshof zu. Ich bitte sehr darum, mir einen neuen Brillenbügel einsetzen zu lassen."
Der Gewaltige zerhackt den armen Klaus von oben bis unten mit dem Beil seines Blickes, nimmt dann wortlos die Brille, birgt sie in den Falten des roten Gewandes und geht. Ein herumstehender Gestapo - Jüngling verzieht das Gesicht zu einer Maulsperre von beinahe ostbaltischer Breite.
Im Hintergrunde werden schon dem Spanier die Fesseln zur Verhandlung abgenommen, während sich meine Arme wieder mit den leichten Aluminiumbändern schmücken. Aber an der Kellertür streift sie mir der Beamte ab und meint: ,, Ja, da haben Sie noch' n paar scheene Sommerwochen Jalgenfrist. Lassen Sie sich det Frühstück jut schmecken!"
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