Druckschrift 
Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
35
Einzelbild herunterladen

Tatzeugen unserer Widerstandsgruppe haben dichtgehalten. Die Justizbehörden ahnen nicht, was eigentlich hinter den eisernen Türen des Oberkommandos vor sich ging, und das geistige Unkraut des Spitzels behagte wohl auch Freisler nicht ganz.

Der Senatsapparat hat jetzt Streusand im Getriebe. Mein Anwalt benutzt die Stockung, um endlich das Wort zu nehmen. Herr Präsident, ich habe den Eindruck, daß die Sache Schultze- Pfaelzer noch nicht recht prozeßreif ist. Die Ermittlungen im Oberkommando der Wehrmacht sind sehr dürftig. Man gewinnt kein Bild darüber, ob der Angeklagte mehr der Treibende oder mehr der Getriebene war. Ist er angestiftet worden? Wenn ja, von wem, warum und inwieweit? Die Verteidigung ist an Untersuchungen in dieser Richtung interessiert. Ich glaube, daß wir Zeugenaussagen beibringen würden, die nicht nur für den Angeklagten Entlastung bedeuten, sondern auch objektiv für die breitere Aufhellung des Gesamtfalles dienlich wären. Daher bitte ich zwecks weiterer Zeugenladung um Vertagung.' Er verbeugt sich und nimmt wieder Platz.

Der überreizte Präsident läßt seine Augen erlöschen, als wenn er plötzlich Kopfschmerzen hätte. Er wartet neugierig darauf, was er selber tun wird.

Jetzt betrachtet Freisler das Gefunkel des Solitärs. Was wer- den ihm die Strahlen eingeben? Er liebt nicht das Geschwätz der Anwälte, er verachtet es, die Kerle werden ja dafür be- zahlt, Er war ja selber einmal Anwalt, und sein eigenes Auf- treten hat in ihm eine sehr schlechte Meinung vom Anwalts- stand zurückgelassen. Alles Humbug. Was meckern die noch! Er, der Präsident Freisler , ist der Herr des Gerichts! Er ist unfehlbar und ein neuer Stellvertreter Gottes. Aber jetzt pfeift er drauf, Er hat im Moment genug, er runzelt geschäftlich die Stirn. Was hat der Kerl gesagt? Nicht prozeßreif? Den Bur- schen wollen wir uns kaufen. Vertagung? Soll er haben, aber anders, als er denkt. Den booten wir aus. Den Anwalt ver- tagen wir auf immer, und dieses bockbeinige Schlachtvieh läuft uns nicht weg..

Das alles lese ich in seinem Mienenspiel. Möglich, daß meine gestachelten Einbildungen übertreiben. Aber ich dramatisiere mich dreifach selbst als Dichter, Held und Zuschauer.

Freisler tut noch einmal so, als müsse er gewaltsam nachdenken. Dann sagt er in sattem Ekel:Die Sache ist vertagt.

2*

[#07 [0,3