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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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sogar die Weisung der Adjutanten des Führers, wie man sich in einer solchen Situation zu verhalten hätte. Ich bitte über das manische Leiden des Führers seinen Leibarzt Herrn Professor Morell als Zeugen unter Eid zu vernehmen. Ich beantrage das nicht aus Sensationslust, sondern zu meiner Entlastung."

Freisler mustert mich mit spöttischer Geringschätzung. , Warum verlangen Sie nicht auch noch die Vernehmung des Führers selbst?"

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,, Weil die Gerichte die persönlichen Ansichten von Kranken über ihre Leiden niemals als maßgebend anzusehen pflegen." Das ist unbestreitbar, aber habe ich es wirklich ausgesprochen oder nur sehr deutlich gedacht? Beherrsche ich noch den Weg vom Hirn zur Lippe?

Freisler zerreißt jetzt mit der gespreizten Rechten die schwüle Luft. ,, Sie sind wahnsinnig, Herr. Soll ich Sie vielleicht auf Ihren Geisteszustand untersuchen lassen?"

,, Ich bitte darum!" Das wäre übrigens ein Gedanke! Habe ich das laut gesagt? ,, Ich bin in der Verteidigung, Herr Präsi­dent! Die Urteile der Ärzte sind von größter Wichtigkeit. Bin ich vielleicht auch schon krank? Kranke gehören ins Kranken­haus auf keinen Fall gehören sie als unumschränkte Macht­haber an die Spitze eines großen Reiches. Das ist meine feste Überzeugung, und wer anderer Ansicht ist, dem will ich mildernde Umstände wegen Geistesschwäche bewilligen."

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Wieder weiß ich hinterher nicht genau, was ich davon gesagt und was ich intensiv gedacht habe.

,, Sind Sie fertig mit Ihrem Wahnsinn?" Freisler weidet sich grausam an meinem Eifer. ,, Ich habe Sie schon wie einen Narren schwadronieren lassen. Aber Ihr dialektisches Getue rettet Sie nicht. Sie bleiben ein Hochverräter! Wir haben Be­weise. Hier! Da sind zunächst die Textstücke Ihrer Denk­schrift, die nach den Kohleblättern im Schreibtisch Ihrer Frau rekonstruiert werden konnten. Und dann sind da noch die Blätter aus Ihrer Waschküche. Damit trieben Sie Zersetzungs­propaganda im Oberkommando der Wehrmacht."

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Er kramt in den Papieren und wendet sich an den Kugel­bäuchigen, dessen müdes Skatspielergesicht ihm offensichtlich mißfällt.

Die Ausbeute der Häscher zum Anklagepunkt Hochverrat ist nicht so üppig, wie sich Freisler das wünschte. Sie haben einen gefährlichen Fetzen meiner Denkschrift. Aber alle

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