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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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mag in dieser lasterhaften Welt passieren, Herr Oberreichs­anwalt! Wenn Sie ein Fetischist der Akten sind, so beweist dies noch nicht, daß Sie im nächtlichen Nebenberuf nicht auch noch ein fanatischer Liebhaber sein können. Bitte, ich will keine Beweisaufnahme, ich klage nicht an. Wir Menschen sind alle arme Luder, wenn wir den Purpurmantel ausziehen und in Unterhosen dastehen.

Und nun folgen die Herren Laien, die Laienrichter, die hier sozusagen die sprachlose Stimme des Volkes stumm verkörpern. Zunächst das Volk im engeren Sinne: zwei niedrige Mitglieds­nummern der Partei die eine Nummer in dem gelben Lakaien­dreß der politischen Leiter, die andere Nummer im braunen SA - Hemd mit silbrigem Lametta. Sie sind nun schon seit über zehn Jahren gelernte Spesenmacher der Nation. Über den Schultern tragen sie beide Schmalztöpfe, denen der Schöpfer Augen und Nasen angemalt hat. Wahrhaft Schmalztöpfe, die überlaufen, auch die Augen sind fettig.

Der nächste Laienrichter ist ein Totenkopfträger, ein höhe­rer SS - Führer, der gleichzeitig die Galgenstrick- Verbindung zwischen dem Volksgericht und dem Stabe Himmler versieht. Der Herr ist eigentlich nicht mehr Volk, sondern schon Volks­geißel, ein öffentlich bestellter Geheimspitzel, der zugleich auch Herrn Freisler und seine Räte und Laien zu über­wachen hat.

Wer zugleich wiederum den geheimen Polizeiagenten be­schattet, das wissen wir nicht. Aber man kann sich darauf verlassen, einer hat wieder den Auftrag, den Spitzel zu be­spitzeln, das ist bei den geheimen NS- Instanzen immer so. Es ist die propaganda fides, der ewige Kampf zwischen Glauben und ungläubiger Antithese. Ach ja, wo ist die fides heute noch echt? Wer weiß, wie lange dem Freisler noch zu trauen ist! Wahrscheinlich ist nicht einmal mehr der Volksheld Rommel zuverlässig, der den Rummel satt haben soll, seit er vor den Pyramiden schlapp machte.

Aber unser SS - Richter im Senat läßt sich noch nichts an­merken. Sein hoher, leicht gespitzter Schädel deutet auf schnelle, wenn auch nicht wurzelfeste Intelligenz. Die Ab­plattungen an den Schläfen werden gemeinhin als Hang zum Verbrechen gedeutet, aber das wäre in der höheren SS - Sphäre ein bestätigendes Charakteristikum.

Als letzter Laienrichter kommt eine Gestalt, die man hier in diesem Milieu der infamen Pose nicht erwartet, ein deutscher

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