Druckschrift 
Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
185
Einzelbild herunterladen

Nacht für Nacht öffneten sich die Feuerschleusen dieses don- nernden Stroms über den Ruinenfeldern Berlins . Längst hatte die Stadt kein Profil mehr; ein brennender, schwelender Schutthaufen, in dem Millionen zerquälter Menschen hausten, war sie geworden, Der Flammenschein ihrer Brände leuchtete bis nach Oranienburg , bis in das Lager, wo der Qualm aus den Öfen der Krematorien in den glühenden Himmel stieg und wo auf dem Appellplatz oder in dem Geviert der alten. Russenisolierung täglich neue Elendstransporte für die Reise ins Jenseits zusammengestellt wurden.

Aus Holland kam ein neuer Zustrom von Häftlingen. Das Lager Herzogenbusch war geräumt worden, seine Insassen befanden sich auf der Fahrt nach dem KL Sachsenhausen . In Viehwagen gepreßt oft bis zu 120 Menschen in einem Wagen, kamen sie an, ein Drittel von ihnen verhungert, erstickt oder erfroren. Als die Wagentüren geöffnet wurden, rollten die schon mehrere Tage alten Leichen auf den Bahn- damm; ein Scharführer, dessen Herz noch nicht völlig ver- härtet war, schilderte mir den Eindruck, den dieser Anblick auf ihn gemacht hatte. Den ganzen Zug entlang lagen die Toten mit vor Kälte erstarrten Gliedern neben dem Geleise; vier LKWs mit Anhängern waren erforderlich, um die furchtbare Fracht vom Bahnkörper weg in das Krematorium zu Schaffen. Eine Woge des Grauens rollte über das östliche Deutschland . In meilenlangen Kolonnen bewegten sich die Trecks der vor den Schrecken des Krieges fliehenden Zivil- bevölkerung in Richtung Berlin , nicht wissend, welches Schicksal sie dort erwartete. Zu ihnen stießen die Marsch- staffeln der Häftlinge, hohlwangige, graue Gestalten mit aus schwarzen Löchern stierenden Fieberaugen, kaum noch einer Bewegung fähig, eine grausige Heerschar des furchtbarsten Elends, das je über ein Land gekommen war. Die Zentral- anstalten des Mords mit ihren großangelegten Maschinerien waren bereits in russischer Hand. Was dort nicht mehr ge- schehen konnte, mußten die Lager im Innern des Landes bewältigen, In Buchenwald , Sachsenhausen , in Belsen, Maut- hausen und Dachau , in Flossenbürg und Theresienstadt, überall, wo der Herostratenwahn Adolf Hitlers der Mensch-

185