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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
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nung von etwas Schrecklichem, das uns allen bevorstünde, ließ es wirklich gleichgültig erscheinen, ob man hier blieb oder nach Belsen ging. Verweyen war derselben Ansicht. Er beharrte auf seinem Entschluß und ging wenige Tage später direkt in den Tod.

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Die Evakuierung des Lagers wurde inzwischen fortgesetzt. Alle zum Verwaltungsbereich Sachsenhausen gehörenden Außenlager wurden, sofern sie in der militärisch bedrohten Zone lagen, aufgelöst und ihre Insassen in aufreibenden Fuß­märschen nach Oranienburg in Bewegung gesetzt. Aus Groß­Rosen, Küstrin, Bad Saarow , Briesen, Lieberose und anderen Himmelsrichtungen kamen Tausende von Häftlingen, dar­unter zahlreiche ungarische Juden. Die Strapazen, denen diese Unglücklichen ausgesetzt waren, bevor sie nach Sachsen­hausen gelangten, sind nicht zu beschreiben. Viele starben unterwegs oder wurden, nachdem sie vor Entkräftung zu­sammengebrochen waren, von den SS- Begleitmannschaften erschossen und am Wege verscharrt. Mit furchtbaren Erfrie­rungen, blutenden, in schmierige Lappen gewickelten Füßen, ohne Mäntel und warme Unterkleidung, schleppten sie sich in langen Zügen durch das Tor, in der trügerischen Hoff­nung, nach all diesen unsagbaren Anstrengungen hier etwas Ruhe, einen Napf Suppe und ein Stück Brot zu bekommen. Aber die meisten von ihnen und die Juden ohne Aus­nahme wanderten direkt und ohne noch einmal in dieseni Leben ihren bohrenden Hunger gestillt zu haben, in die Gas­kammer der Station Z" auf dem Industriehof, die ihren Be­trieb wieder in vollem Umfang aufgenommen hatte. Die große Massenabschlächterei hatte wieder begonnen. Sie stand unter dem Zeichen einer spürbaren Hast, denn die Fronten rückten näher und näher. Im Oderbruch stießen die Russen, allen Anstrengungen spottend, mit einer Riesenarmee über die zahlreichen Wasserarme der Oder und Warthe vor. Frankfurt war gefallen, ein Angriffskeil der Sowjets näherte sich bereits der Stadt Müncheberg . Im Westen kamen die amerikanischen und britischen Truppen in vernichtenden Ell­märschen auf die Reichshauptstadt zu, Schwärme von schwe­ren und leichten Bombern, Jagd- und Tieffliegern im Gefolge.

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