waren. Die Mörder des Schandbuben Heydrich waren auch keine Juden, und doch hatte man nach dem Bekanntwerden des Attentats auf den Protektor zahllose Juden dafür umgebracht. Aber schon die Absetzung und Gefangennahme Mussolinis fand im Lager kein nachhaltendes Echo. Zwar ließ die Lagerführung alle Häftlinge aufrufen, die im Geruch standen, die Kunst des Hellsehens zu beherrschen alle Chiromanten, Astrologen und ähnlichen Geheimwissenschaftler mußten antreten und an Hand von Schriftstücken, die man ihnen vorlegte, und mit Hilfe des Siderischen Pendels sich um die Ausfindigmachung des Duce bemühen, aber sonst geschah nichts. Jetzt, da sich der Pfeil gegen den großen Häuptling selbst gerichtet hatte, bemühte man nicht einmal die Wahrsager. Man brachte einige höhere Offiziere ins Lager, darunter den durch Schüsse schwer verletzten Grafen von Hardenberg, und wenige Tage später einige Tausend Berliner und Leipziger Bürger, biedere Handwerker und kleine Beamten, die früher einmal einer Linkspartei angehört hatten und von denen man offenbar annahm, daß zwischen ihnen und den Verschwörern irgendeine geheime Beziehung bestand; sie wurden bald wieder entlassen. Und doch hatte jenes Ereignis Tausenden von Menschen das Leben gekostet, aber ihre Abschlachtung machte sich diesmal in keiner das Lager betreffenden Begebenheit spürbar; das einzige, was hier davon zu bemerken war: eine leichte, jedoch unverkennbare Nervosität, die in dem Maße stieg, als die Nachrichten von den Fronten, die sich ja bereits in bedenklicher Nähe der Reichshauptstadt befanden, einen Mißerfolg nach dem anderen meldeten. Das Gefühl, daß der Krieg möglicherweise doch nicht mehr zu gewinnen sei, übte seine bedrückende Wirkung aus. Die einst so stolze Haltung der Prätorianer des Führers erlitt merkliche Einbußen. Man wußte auf einmal nicht mehr, wie man sich den Häftlingen gegenüber verhalten sollte. Muẞte man freundlich zu ihnen sein oder sie gleich niederschießen? Die Ungewißheit der Lage schuf ein überaus labiles Verhältnis zwischen unseren Vorgesetzten und uns, und die schicksalsentscheidende Frage: quousque tandem? schwebte wie ein drohendes Menetekel über dem gesamten Lager.
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