schätzender Reiz in alesem System. Stand die Höhe des Betrags oft auch in keinem Verhältnis zu der Höhe der Leistung, so machten die Verhältnisse, in denen wir uns befanden, doch den Erwerb von Prämienscheinen erstrebens- wert, schon weil man nur mit solchen Scheinen die so lebens- wichtige Zigarette bekommen konnte. Außerdem gab es jetzt auch Bier— ein alkoholfreies Malzbier—, das uns besser schmeckte als der bittere Lagerkaffee und in vielen von uns die Illusion eines gewissen Luxus erweckte. Durch diese Prämienscheine war es uns überdies möglich, auf Geldzu- wendungen von zu Hause zu verzichten.
Betrachtet man alle diese Neuerungen und Besserungen in ihrer Gesamtheit, so möchte man meinen, ein Born reiner Menschenliebe habe sich plötzlich aufgetan, um uns durch rine Flut von Wohltaten zu entschädigen für alles Leid der ver- gangenen Jahre. Die Sonntage und freien Stunden verliefen jetzt nicht mehr so trostlos wie früher. Es fand nur noch ein Appell täglich statt. In der geräumigen Trockenbaracke der Wäscherei hatte sich ein Theater etabliert. Szenen aus„Faust“ wurden unter der fachmännischen Leitung von Edgar Bennert , einem ehemaligen Mitglied des Düsseldorfer Schauspiel- hauses, aufgeführt. Gerhart Hauptmanns „Biberpelz “ gelangte zu einer eigenartigen und dennoch trefflichen Darstellung. Eine von jungen, talentvollen Norwegern gebildete Schau- spielergruppe spielte Szenen aus„Peer Gynt“, und die Fran- zosen lieferten eine temperamentvolle Aufführung der Sonett- szene aus„Le Misanthrope “ von Moliere, Vorträge, Variete- und Kabarettvorstellungen wechselten ab mit Konzerten der Lagerkapelle unter der Leitung des ehemaligen Militär- kapellmeisters Peter Adam, der jetzt auch an den Sonntagen die einmarschierenden Arbeitskommandos mit schmetternden Märschen empfangen mußte. Sportliche Wettkämpfe(jedes größere Kommando hatte eine eigene Fußballmannschaft) lockten an den schönen Sonntagnachmittagen Tausende auf den großen Appellplatz, kurz, man wußte gar nicht, wie man dem Schicksal danken sollte dafür, daß die Aussichten auf einen deutschen Sieg von Monat zu Monat geringer wurden, denn— so merkwürdig das klingen mag— nur unter der
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