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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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SS und Chef der Deutschen Polizei die generelle Erlaubnis zum Empfang von Lebensmittelpaketen jeglichen Umfangs erteilte. Um hier nicht die irrige Meinung aufkommen zu lassen, es könnte sich dabei um eine menschliche Anwandlung jenes Mannes gehandelt haben, weise ich gleich zu Anfang darauf hin, daß der Anlaß zu dieser Erlaubnis in erster Linie durch die verpflegungstechnischen Schwierigkeiten geboten war, in denen sich das Lager befand, als es sich vor_die Auf- gabe gestellt sah, 20000 Menschen für eine schwere und kriegswichtige Arbeit bei Kräften zu halten. So wie man uns früher gestattete, uns auf eigene Kosten und zum Vorteil der SS Zusatznahrung in der Kantine des Lagers zu kaufen, so gestattete man uns jetzt den Empfang von Lebensmitteln, die sich unsere Angehörigen in den weitaus meisten Fällen vom Mund absparen mußten, denn was es hieß, im Kriegswinter 1942/43 jemandem ein viertel Pfund Butter oder eine Tafel Schokolade zu schenken, wissen die, die diese Zeit mitgemacht haben. Um also für die SS zu arbeiten, durften wir uns nun auf Kosten unserer Angehörigen verpflegen; aber in.der Lage, in der wir uns befanden, waren wir glücklich, daß wir es durften, Die Ernährungsverhältnisse im Lager hatten nach Einstellung des Brotverkaufs einen Tiefstand erreicht, der auch durch die gelegentliche Abgabe von rohem Sauerkraut oder Selterswasser nicht wieder gehoben werden konnte. Der Hunger, der aus den Augen aller sprach, ließ die rapide Aus- breitung epidemischer Krankheiten befürchten. Der kata- strophale Mangel an Vitaminen und anderen Nährwerten, ohne die der Mensch eben nun einmal nicht leben kann, be- schleunigte den Kräfteverfall. Skorbut , Furunkulose, die Wassersucht und ähnliche, durch Diätfehler hervorgerufene Leiden machten sich im wachsenden Ausfall von Arbeits- kräften bemerkbar. Auch der Geisteszustand der Häftlinge erfuhr eine merkwürdige Beeinflussung; mein Erinnerungs- vermögen ließ in einer so erschreckenden Weise nach, daß ich mich zum Beispiel einmal einen ganzen Tag lang nicht mehr der Namen meiner Kinder entsinnen konnte. Eine Stumpf- heit sondergleichen hatte sich unserer Sinne bemächtigt, die nur noch auf die sich zwangsläufig einstellenden Gedanken

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