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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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Einrichtung des Krankenbaus als vorbildlich zu bezeichnen war. Laboratorien, Röntgenstation, die septischen und asep­tischen Operationsräume, Apotheke, das Medikamentenlager, Pathologie, alle für ein solches Institut charakteristischen Einrichtungen befanden sich in einem sauberen, tadellosen Zustand. Aber welchen Zwecken dienten sie? Ich gebe gern zu, daß in Sachsenhausen etwas weniger experimentiert wurde als in Dachau oder Buchenwald , was nichts daran änderte, daß auch hier der Kranke nur Material war, zur Beseitigung reif. Im übrigen spielten sich im Bezirk dieser Heilanstalt die merkwürdigsten Dinge ab. So war im Frühjahr 1941 ein rumänischer Berufsverbrecher ins Lager gebracht worden, der das Interesse der gesamten SS dadurch erregte, daß er am ganzen Körper tätowiert war. Es gab an diesem Men­schen nicht eine weiße Hautstelle. Selbst die Fußsohlen wiesen Tätowierungen auf, und als man ihm das Haupthaar ab­rasierte, sah man, daß die blauen und roten Ornamente, Zeichnungen und Spruchbänder sich sogar über den Scheitel erstreckten. Dieser seltsame Mensch war im übrigen voll­kommen gesund und würde normalerweise noch leben, wenn nicht die SS - Ärzte auf den Einfall gekommen wären, sich der Haut dieses Mannes als einer Trophäe von ganz besonderer Eigenart zu bemächtigen. Der Mann wurde wenige Wochen nach seiner Einlieferung durch eine Injektion getötet, seine Haut abgezogen und gegerbt. Jahrelang schmückte diese schauerliche Rarität eine der Wände des anatomischen Hör­saals.

Auch die in den Schreibstuben des Krankenbaus tätigen Häft­linge hatten kein beneidenswertes Los. Sie galten in den Augen des ,, Eisernen " und des Rapportführers Campe als ,, faule Hunde", mußten oft stundenlang auf dem Appellplatz stehen und ,, Sport machen", wie man im Lager das Rollen, Hüpfen und Inkniebeugesitzen nannte. Sehr groß war also mein Ver­langen, an dieser Stelle zu wirken, nicht. Ich meldete mich deshalb beim Arbeitsdienst und bekam nun einen Posten als ,, Hülsensortierer" in einer der Baracken der Verwaltungs­werkstätten, der zwar an sich recht bedeutungslos war, aber den Vorteil hatte, daß man im Warmen sitzen und keinen SS­

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