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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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Vorarbeiter dieser Jammergestalten, das heißt der Mann, der sie zu den entsprechenden Zeiten in die Baracke hinein- und wieder hinaustreiben mußte, war der Häftling Böhm, der sehr bald begriffen hatte, daß sich aus der Haut anderer leicht Riemen schneiden ließ und daß auch das Konzentrationslager seinen Mann ernährte, wenn man nur eben ein Kerl war und über den nötigen Witz verfügte. Damals war SS-Standarten- führer Baranowski, seines klobigen Aussehens wegenVier- kant genannt, Kommandant des Lagers, Da ihm die Aufgabe oblag, alles Morsche und nicht mehr Gebrauchsfähige vom Lagerbestand abzusetzen, beauftragte er den Häftling Böhm mit der Durchführung dieser Aufgabe, und Böhm führte sie durch. Mit einem selbstgeschnitzten Prügel traktierte er von Stunde an seine Schutzbefohlenen täglich so ausgiebig, daß ihnen das Kopfweh verging und sie zur Reise in die Ewigkeit keiner weiteren Vorkehrungen mehr bedurften. Er war damit zum amtlich bestallten Totschläger geworden, Er bezog Extra- vergütung in Form von doppelten Portionen und Zigaretten. Er trug, um sich in seiner Würde von anderen Häftlingen zu unterscheiden, eine dunkelblaue Schirmmütze und war nie ohne seinen Eichenknüppel zu sehen.

Es ist schwer zu sagen, wie sich in seinem Kopf die Welt und die Zukunft dieser Welt, die ja auch die seine war, malte. Pläne hatte er gewiß; es waren Pläne elementaren Stils, denn er rechnete damit in all.der Unschuld, die Gelichter seines Schlages auszeichnet, eines Tages als reicher Mann aus dem Lager zu gehen, unter dem Arm jene Margarineschachtel, die man nach seinem Tode bei ihm fand und die bis zum Rande gefüllt war mit den goldenen Zähnen und Zahnprothesen all derer, die er im Laufe seiner Tätigkeit als Krematoriums- chef in den Ofen geschoben hatte. Er war ein praktischer und realistischer Mann, der nicht einsah, weshalb man den gol- denen Mund einer Leiche der Vernichtung durch das Feuer anheimgeben sollte; er entbrach ihm also die Zähne wozu ihn übrigens ein amtlicher Befehl voll ermächtigte und baute auf diesen das Glück seiner Zukunft,

Dieser treue Diener seines Herrn, der noch unberührt von dem Geist der erst später zu so hohem Ansehen gelangten

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