XI
Beiden tschechischen Studenten
Ich lag nun auf dem Biock meines späteren Freundes Paul Gmeiner und lernte hier die tschechischen Studenten kennen, die diese Baracke hauptsächlich bewohnten.
Die Gesamtzahl der damals im Lager befindlichen Studenten der Universitäten Prag und Brünn belief sich auf etwa 2000. Der Anlaß zu ihrer Verhaftung ist hinreichend bekannt. Unter einem elenden Vorwand— angebliche„tumultarische Ausschreitungen“ gelegentlich der Beerdigung eines von den Deutschen ermordeten Hochschülers, in Wirklichkeit aber in der Absicht, das Geistesleben der Tschechoslowakei auf Jahre hinaus lahmzulegen, die Intelligenz womöglich ganz auszurotten— hatte man alle diese jungen, in ihrer geistigen Entwicklung stehenden Menschen im Herbst 1939 nachts in ihren Studentenheimen überfallen, verhaftet und zu Tausen- den nach den Konzentrationslagern Dachau , Sachsenhausen und Buchenwald verschleppt. Vielen hatte man bei der Durch- führung dieser Aktion nicht einmal Zeit gelassen, sich ordent- lich anzuziehen— in Schlafanzügen, Pantoffeln, ja teilweise sogar barfuß kamen sie an, wobei man es an Brutalität und erniedrigenden Schmähungen nicht fehlen ließ. Der Zweck dieser Maßnahme war nicht zu verkennen. Nachdem der Rep- tilieninstinkt Adolf Hitlers die deutsche Wehrmacht zum Raub kommandiert und die Tschechoslowakei durch diesen gemei- nen Überfall ihre Selbständigkeit eingebüßt hatte, galt es, alle Zügel sofort fest in die Hand zu bekommen. Der Griff an das Gehirn eines Staatswesens und die sofortige Lahmlegung seiner geistigen Kraftreserven waren von jeher die zunächst sichersten Mittel zur Beseitigung des gefürchteten metaphy- sischen Widerstands, der die passive Resistenz erzeugt und dem Usurpator tausend Schwierigkeiten bereitet. Überall, wo- hin die Polizeitruppen Hitlers kamen, verfuhren sie so: in Polen , in der Tschechoslowakei , in Norwegen — überall muß-
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