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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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erhalten hatte, setzte ich mich zur Wehr. Soviel hatte auch ich schon gelernt, daß es keinen Sinn hatte, sich willenlos den Entschlüssen anderer zu beugen, und da ich überdies anfing, meinen Aufenthalt im Lager als eine mich noch zu gewissen Äußerungen verpflichtende Aufgabe anzusehen und ich des- halb nicht das Opfer eines beliebigen Ignoranten werden wollte, ging ich zu Harry Naujoks , dem Lagerältesten, und erklärte diesem die Sachlage. Naujoks war Kommunist; erfreulicherweise einer mit Verstand und Herz! Er machte nicht viel Worte, strich meinen Namen kurz und bündig von der Transportliste und ordnete meine sofortige Versetzung nach einem anderen Block an.

Schon am Abend dieses Tages mußte der Herr von Block 23 einsehen, daß er bei aller Macht doch nicht allmächtig war. Wir schieden grußlos, und ich siedelte über auf den Studenten- block Nr,53, der von dem schon einmal genannten Metall-' arbeiter Paul Gmeiner geleitet wurde, einem Mann, der in allem das genaue Gegenteil von dem vorher Genannten war. Mein so leichtfertig handelnder Gegner ließ mir zwar auf Umwegen sagen, daß ich mir nicht einbilden solle, ich wäre durch diese Versetzung seinem rächenden Arm entgangen. aber er kam nicht mehr zur Ausführung irgendwelcher Vor- haben gegen mich. ZweiMonate später wurde er von einer englischen Fliegerbombe, an deren Bergung und Unschädlich- machung er beteiligt war, zerrissen.

Ich möchte dieses Ereignis jedoch nicht in ein inneres Ver- hältnis zu der oben geschilderten Begebenheit bringen.

Ich habe der Schilderung dieser Episode mehr Raum zu- gebilligt, als sie vielleicht verdient. Aber da ich mir nun einmal vorgenommen habe, mit größter Objektivität alle Gefahren zu schildern, denen der einzelne Mensch im Kon- zentrationslager ausgesetzt war, durfte ich diese an sich nicht besonders wichtige Begebenheit nicht unterdrücken.

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