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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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von Gefangenen- oder Zöglingsmißhandlungen, die bald da, bald dort die Gerichte beschäftigten(ungeachtet der Fälle, die aus Gründen einer bis ins Innerste faulen Gesellschafts- oder Klassenmoral vertuscht wurden und darum niemals Gegenstand öffentlicher Debatten werden konnten).

Daß in sehr vielen und meist sehr subalternen Deutschen eine starke Neigung zu tyrannischen Äußerungen steckt, bedarf wohl keiner besonderen Betonung. Nirgend in der ganzen Welt erregte der Hüter der öffentlichen Ordnung, derSchutzmann, soviel Schrecken wie in Deutschland . Das mag sich in den Zeiten der Demokratie geändert haben, aber noch in der Wilhelminischen Ära galt die Pickelhaube des preußischen Schutzmannes keineswegs als das Symbol obrig- keitlicher Hilfsbereitschaft.

Hinter jedem Postschalter, wie überhaupt hinter jedem Schalter, mit denen derStaat seinen Machtbezirk vom Tummelplatz öffentlicher Ansprüche abzugrenzen pflegt, saß bis vor'noch nicht allzulanger Zeit ein uniformierter oder auch nicht uniformierter Tyrann, das heißt ein Mann, der das durch nichts bewiesene Recht für sich in Anspruch nahm, die Menschen, um deretwillen er eigentlich da war und denen er demzufolge eigentlich hätte dankbar sein müssen, anzu- bellen oder in irgendeiner Weise zu schikanieren. Gerade darin war der deutsche Schalterbeamte eine Weltberühmtheit. Seit Friedrich Wilhelm I. und demKrückstock seines be- rühmten Sohnes galt in Preußen-Deutschland die Uniform als das Sinnbild einer Macht, gegen die es von seiten der Untertanen keinen Widerspruch gab und an der alle zivilen Ansprüche und Meinungen zerschellen mußten. Die berühmteStaatsräson, dieses Prokrustesbett staatsbürger- licher Wünsche und Bedürfnisse, der Kadavergehorsam des deutschen Soldaten, die Überheblichkeit des deutschen Berufsunteroffiziers, die in zahlreichen Fällen in offen- . kundige Quälerei ausartete überall und immer wieder stoßen wir gerade in Deutschland auf die demonstrative Zurschaustellung eines Machtbewußtseins, das in summa schließlich nur die allgemeinen Machtverhältnisse ver- körperte und kein sehr rühmliches Beispiel bot für die Frei-

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