Druckschrift 
Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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XI

Hat der ,, Führer" das gewollt?

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Wiewohl alle bis jetzt geschilderten Exzesse noch keines­wegs als Höchstleistungen menschlicher Einfallskraft anzu­sehen sind, da sie gewissermaßen zu den" normalen" Korrektionsmethoden innerhalb des Konzentrationslagers gehörten, möchte ich doch jetzt schon auf eine Frage ein­gehen, die gelegentlich meiner Vorträge über das KZ des öfteren an mich gerichtet wurde: ob ich der Meinung sei, daß die geschilderten Methoden auf ,, Befehl von oben" durch­geführt wurden, oder ob es sich dabei vielleicht nur um im Grunde unerwünschte, ja möglicherweise unerlaubte Über­griffe einzelner, besonders grausam und sadistisch veran­lagter Unterorgane gehandelt habe, Denn so wendete man meist ein es läge dem Deutschen im großen und ganzen doch nicht, andere und namentlich wehrlose Menschen zu quälen; im Gegenteil, gerade in der Gefangenenfürsorge habe doch Deutschland lange Zeit Mustergültiges geleistet. Es sei also gar nicht recht einzusehen, weshalb im national­sozialistischen Staat der Charakter des Deutschen plötzlich eine so beklagenswerte Wandlung hätte erfahren sollen. Auf diesen Einwand, der die sattsam bekannte Annahme der holden Ahnungslosigkeit des einst so geliebten Führers in sich schließt, erlaube ich mir folgendes zu bemerken: Zunächst erachte ich es für falsch, den Deutschen grund­sätzlich als den Menschen zu bezeichnen, der keine Neigung zur Quälerei besitzt. Neigung zur Quälerei ist nichts Außer­gewöhnliches, sie ist sehr vielen Menschen gleichviel welcher Nation sie angehören eigen und es kann immer nur im System einer so oder so gearteten Erziehung liegen, ob diese Neigung latent bleibt oder nicht. Schon in Zeiten, da die überpersönlichen Gesetze des römischen Rechts es dem einzelnen noch verboten, seinen diesbezüglichen Gelüsten freien Lauf zu lassen, hörten wir gelegentlich immer wieder

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