ohne die Möglichkeit der uns sonst bei der Arbeit erwärmenden Bewegung, warteten wir Stunde um Stunde auf die erlösende Mitteilung, daß der Geflüchtete wieder ergriffen worden sei.
Achtzehn Stunden dauerte das an jenem Tag. Wir standen, sahen die Sonne heraufkommen, sahen es Mittag werden, standen im kalten Rieselregen des herbstlichen Tags bis in die Kühle und Kälte der Nacht hinein und wären vermutlich bis zum nächsten Morgen stehengeblieben, wenn nicht die Royal Air Force der Briten ein Einsehen gehabt hätte. Mit dem Luftalarm, der gegen 11 Uhr begann, wurde auch das Signal zur Beendigung dieser Marter gegeben.
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Es ist nicht jedermanns Sache, so lange auf ein und demselben Platz zu stehen. Es gibt Menschen mit Beinleiden oder anderen Gebrechen, außerdem Kranke und Schwache. Man kann sich vorstellen, welche Wirkung diese achtzehnstündige Steherei auf sie ausübte. Hunderte kippten das heißt sie fielen um und mußten in den Krankenbau geschafft werden. Das schlimmste aber war, daß wir am anderen Tage wieder in die völlig durchnäßten Hemden und Kleider schlüpfen mußten. denn wir hatten keine zweite Garnitur, und eine Gelegenheit zum Trocknen war nicht vorhanden, da die Erlaubnis, die Baracken zu heizen, erst Mitte November erteilt wurde.
Wie sich eine solche Maßnahme aber im Winter auswirkte, erhellt die Tatsache, daß am 19. Januar 1940 gelegentlich eines zehnstündigen Strafstehens nicht weniger als 430 Häftlinge erfroren.
Wir standen später noch öfters viele Stunden, denn Ausbrüche kamen immer wieder vor; fast immer waren es Berufsverbrecher, die uns durch ihre Flucht in diese Lage brachten. Der Freiheitsdrang zerbrach alle Fesseln der Vernunft, denn die Aussichten auf ein Gelingen der Flucht waren gering. Sie waren es schon deshalb, weil wir mitten im Kriege lebten und weil eine Beschaffung von Unterhaltsmitteln ohne den Bezug von Lebensmittelkarten so gut wie unmöglich war. Die meisten Ausbrecher mußten früher oder
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