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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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Die fortüur des kollekiiven Strafstehens

Eine Arbeit außerhalb des Lagers war, wenn es sich nicht gerade um das Klinkerwerk handelte, einer Arbeit innerhalb der Mauer aus verschiedenen triftigen Gründen vorzuziehen, Niemand hielt sich gerne tagsüber im Lagerbereich auf. Man lief zu häufig Gefahr, mit inspizierenden Scharführern zusammenzustoßen. Man mußte jede Strecke im Laufschritt zurücklegen. Man konnte aus den belanglosesten Gründen an das Tor gestellt werden und war dann hier den Roheiten der aus und ein gehenden SS-Leute ausgesetzt. Jeder Häft- ling war froh, wenn er morgens nach dem Zählappell das große Lagertor passiert hatte und sich auf dem Weg zu einer möglichst weit weg gelegenen Arbeitsstätte befand.

Nicht immer hatten wir das Glück, gleich nach dem Appell zur Arbeit entlassen zu werden, denn es ging nicht immer alles so glatt, wie wir es wünschten. Der ‚Appell dauerte oft quälend lange, was fast immer ein besorgniserregendes An- zeichen dafür war, daß irgend etwas nicht stimmte. Und es stimmte sehr häufig etwas nicht, Am 21. Oktober 1940 war, zum Beispiel, ein Polestiften gegangen, das heißt, er war ausgerissen und ich erlebte zum erstenmal das sogenannte Stehen des gesamten Lagers bis zur Wiederergreifung des Geflüchteten.

Es war dies eine jener merkwürdigen Kollektivstrafen, mit denen man oft Tausende für die Tat eines einzelnen verant- wortlich machte.

Zwölftausend Menschen-- soviel waren wir seit dem 18, April geworden standen an jenem Tag von morgens 5 Uhr bis nachts 11 Uhr, also insgesamt 18 Stunden, in Fünfer- reihen ausgerichtet, auf dem Appellplatz und warteten. Ohne die Möglichkeit auszutreten, ohne Essen und Trinken, ja,

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