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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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glutheißen Schacht hineinkriechen bis vor die Feuerstelle und mit eisernen Brechstangen den aufgequollenen Stein von den Wänden lösen. Bald waren meine Hände und mein Gesicht voller Brandwunden, der Atem ging schwer, strahlende Hitze machte jede Bewegung zur Qual. Aus dem Gluthauch des Ofens ging es dann wieder hinaus in die eiskalte Zugluft der Halle. Es ist mir rätselhaft, wie es möglich sein konnte, daß ich damals nicht schon an Lungenentzündung zugrunde ging. Um die Mittagsstunde trillerten die Pfeifen der Vorarbeiter, im Laufschritt bewegten sich die einzelnen Kolonnen zum großen Antreteplatz vor dem Werk, wo in Hunderten von Kübeln die Kartoffel- oder Kohlrübensuppe bereitstand. Im Stehen wurde gegessen, bei strömendem Regen oder brodeln- der Hitze, bei Schnee und bei Frost.

Eine halbe Stunde dauerte dieseErholung, dann ging es wieder an die Arbeit, von der uns erst der hereinbrechende Abend erlöste. Gegen sechs Uhr erfolgte nach einem lang- wierigen Zählappell der Rückmarsch ins Lager. Monatelang mußten wir bei diesem Rückmarsch noch riesige Betonbrocken mit ins Lager schleppen, die dort zur Befestigung des Appell- platzes benötigt wurden,

Wer einen Tag in diesem Klinkerwerk verbrachte, mußte bei etwas genauerer Betrachtung der Arbeitsverhältnisse zu dem Ergebnis kommen, daß hier ein beispielloser Raubbau an der menschlichen Arbeitskraft getrieben wurde, der sich unmöglich zugunsten der Arbeitsleistung auswirken konnte. In jedem normalen Arbeitsverhältnis würde man eine solche Methode als unsinnig ansehen und darum keinesfalls zur An- wendung bringen. Selbst ein ins Riesenhafte übersteigerter Wirtschaftsimperialismus würde in seinem eigensten Inter- esse die Leistung seiner Sklaven nicht grundsätzlich mit Vernichtung belohnen. Im Lager, wo die Notwendigkeit, Ar- beit zu fordern, in einem korrelativen Verhältnis zur Wahrung eines machtpolitischen Sicherheitsprinzips stand, diente diese Methode jedoch zur bestmöglichen Lösung des Häftlingspro- blems schlechthin. Die Arbeiter des Konzentrationslagers waren eben nicht ausschließlich Arbeiter, sondern in erster Linie in den Augen der Regierung Verbrecher. Diese

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