ein Truppenlager mit Kasernen und Wirtschaftsgebäuden wurde geschaffen, und als ich im April 1940 meinen Fuß in das Lager setzte, war das Ganze bereits eine Siedlung vom Ausmaß einer kleinen Stadt mit etwa 12 000 Einwohnern, von denen etwa 10 000 Gefangene, die übrigen die zu ihrer ,, Betreuung" erforderlichen Wachmannschaften, Angehörige der Waffen- SS , Totenkopfstandarte Niederbarnim, waren. Am 18. April 1940, dem Tag, der in meinem Leben eine so einschneidende Rolle spielen sollte, erfolgte die Fahrt vom " Alex" nach Sachsenhausen in mehreren jener fensterlosen Lieferwagen, die der staatspolizeiliche Ordnungssinn zum Transport von Verbrechern aller Kategorien ersonnen hat. Zusammengepfercht bis aufs äußerste, sitzend die einen, die anderen stehend und das Ganze an jeder Kurve wild durcheinandergeschüttelt, erreichten wir das Außentor des Lagers gegen 2 Uhr nachmittags.
Das erste, was wir nach dem Verlassen unseres fahrbaren Gefängnisses erblickten, war eine sich endlos längs der Straße hinziehende, etwa zwei Meter hohe und mit Stacheldraht bewehrte Mauer aus grauen Quadern und zwei an hohen Masten flatternde Fahnen: die Reichsfahne mit dem Hakenkreuz und die schwarze Fahne der SS mit den beiden blitzförmigen Runen. Ich habe diese Fahnen nie geliebt; diesmal aber haßte ich sie aus ganzem Herzen, denn sie flankierten ein Gebiet, das nicht mehr dem Leben und einer freien gedeihlichen Entwicklung Raum bot, sondern der nackten Gewalt und einem Geist, der mir schon in der lakonischen Fassung friderizianischer Staatsräson verdächtig erschien, und der einem hier, bis zur verbrecherischen Härte überzüchtet, einen Schauer ins Blut jagen konnte. Nachdem uns die Polizei verlassen hatte, lernten wir gleich die Vertreter jener Geistigkeit kennen in Person von Angehörigen der Waffen- SS : baumlange, schlaksige Figuren in grauen Uniformen, das Symbol des Todes auf den Mützen, mit Revolvern an den Gürteln und Reitpeitschen in den knochigen Händen. Die alles andere als vertrauenerweckenden Gesichter waren von einer so erschreckenden Ausdrucksgleichheit, daß man unwillkürlich an das restlos geglückte Ergebnis der selectio natu
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