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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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brück. Es ist kaum anzunehmen, daß sie die Freiheit jemals wiedergesehen haben.

Sonst geschah in Weimar nichts, was einer besonderen Er- wähnung wert wäre, allenfalls das, daß der wegen Fahnen- fluchtverdacht verurteilte Unteroffizier von unserem Trans- port getrennt und in Ketten nach dem Bahnhof gebracht wurde. Er bat mich, seine in Ulm lebende Frau und sein Töchterchen zu grüßen und beiden zu sagen, daß er nicht aufhören würde, sie zu lieben; ich versprach es, ohne zu wissen, ob und wann mir das Schicksal Gelegenheit geben würde, dieses Versprechen einzulösen,

Wir verließen Weimar an einem hellen Frühlingsmorgen und erreichten gegen Abend Halle, wo wir im Polizeigefängnis übernachteten. Hier kamen wir mit. einem Häftling aus Sachsenhausen in Berührung, der aus dem Lager kom- mend zu einer Gerichtsverhandlung nach München fuhr und uns die erste Kunde brachte über die Zustände und Ver- hältnisse im Lager. Diese Mitteilungen waren wenig geeignet, unsere Zuversicht zu stärken. Aber der Mensch in seinem sträflichen Optimismus will mitunter nicht wahrhaben, was seinen Seelenfrieden bedroht, weshalb auch wir zu der An- nahme neigten, daß der Mann entweder nicht die Wahrheit sprach oder zum mindesten schamlos übertrieb. Zwei Tage später mußte ich ihm in Gedanken Abbitte leisten; er hatte nicht übertrieben und die Wahrheit hatte er nur insofern nicht gesprochen, als er uns die Verhältnisse wesentlich milder schilderte, als sie in Wirklichkeit waren.

Von allen diesen Städten, die wir auf unserer Fahrt in die Verbannung berührten, haben wir außer den Bahnhöfen und Polizeigefängnissen so gut wie gar nichts gesehen, Auch nicht von Berlin , das wir am 17. April erreichten, Am Potsdamer Bahnhof wurden wir von Beamten der städtischen Polizei ab- geholt und auch hier wieder an Handschellen über die Treppen hinab zu den zahlreichen Kraftwagen geleitet, die dort standen. Unser Transport hatte durch Zuwachs an den verschiedenen Zwischenstationen einen Umfang von etwa 150 Personen angenommen, lauter für das Konzentrations- lager bestimmte Verbrecher, die nun von der Berliner Bevöl-

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