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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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nicht. Dafür gab es Kellerasseln und ähnliche flinke Insekten. Das Abendessen, das man uns in schmierigen Steinguttöpfen verabreichte, bestand aus einer graublauen Wassertunke, in der ein paar Fleischfasern herumschwammen, Das Brot war verschimmelt und nahezu ungenießbar. Dennoch verzehrte ich Suppe und Brot mit jener stupiden Gleichgültigkeit, die über den Menschen kommt, wenn er erst einmal begriffen hat, daß die Freiheit verloren- und das Glück, sie wieder zu erringen, keine Sache der eigenen Entschlußkraft mehr ist.

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Am folgenden Tage ging die Fahrt weiter nach Weimar - der Stadt Goethes, dem Mekka der deutschen Kultur. Auch hier kamen wir in einen Keller, ein feuchtes Gelaß, das uns ledig­lich durch die Freundlichkeit des dortigen Polizeimeisters eini­germaßen erträglich gemacht wurde. Zwei Tage lagen wir hier, untätig, dumpf dahindämmernd, im Dunkel hausend und immer tiefer hineingleitend in die Region des Ungewissen, Weglosen.

Am Tage nach unserer Ankunft bekamen wir einen Zugang", einen Juden aus Jena namens Feuerstein. Jahrzehntelang war dieser Mann Angestellter bei der Firma Zeiß gewesen. Zeug­nisse, die er bei sich trug und nicht ohne Stolz herzeigte, legi­timierten ihn als einen fleißigen und begabten Arbeiter. Er hatte sich ein kleines Vermögen erworben und war Besitzer eines Hauses in Jena . In dieses Haus mußte er im Jahre 1939 einen nationalsozialistischen Amtsleiter als Mieter auf­nehmen. Dem wollte es offenbar nicht in den Kopf, daß im Jahre 1939 und im Zauberreich Adolf Hitlers ein Jude noch Besitzer eines Hauses sein konnte, weshalb er auf Mittel sann, diesem ihm unwürdig erscheinenden Zustand ein Ende zu bereiten. Er denunzierte den Juden bei der Geheimen Staatspolizei unter dem Vorwand, Feuerstein habe ihm, dem führertreuen Germanen, verboten, die Hakenkreuzfahne zu hissen! So plump und geistlos diese Anschuldigung auch war welcher Jude in Deutschland wäre so wahnwitzig gewesen, im Jahre 1939 ein solches Verbot auszusprechen! Gestapo genügte die Angabe des Edelmannes. Feuerstein wurde mit seiner Frau verhaftet, beide kamen ins Konzen­trationslager er nach Sachsenhausen, sie nach Ravens­

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