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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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fast irrer Blick eigen war, bestand nur noch aus Haut und Knochen. Er hatte Arme wie ein rachitisches Kind und einen Brustkorb, wie man ihn allenfalls auf den Totentanzbildern des Mittelalters sehen kann, Dieser elende und zerfallene Leib war mit faustgroßen brandigen Geschwüren bedeckt, Furun­keln von solchen Ausmaßen, wie sie nur bei einer völligen körperlichen Vernachlässigung entstehen können. Der Mann versicherte mir, daß sein Aussehen sich nicht sonderlich un­terscheide vom Aussehen der meisten ,, Schutzhäftlinge" im KL Dachau , und eröffnete mir damit Perspektiven, die mich nachdenklich stimmten.

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Diese beiden Menschen, der Soldat und der Mann aus Dachau , wurden am folgenden Tage mit mir zusammen in eine neue Zelle gebracht, die sogenannte Transportzelle", die auch wie­der die ominöse Nummer 13 führte und von der uns der Schließer im Vertrauen mitteilte, daß in ihr der Stabschef Ernst Röhm , der ehemalige Intimus Hitlers , erschossen worden sei. Vielleicht sprach der Mann nicht die Wahrheit, immerhin erweckte seine Bemerkung die Rückerinnerung an jene denk­würdige Begebenheit im Juni des Jahres 1934, die so vielen Menschen mehr als die offizielle Berichterstattung je zugab das Leben gekostet hatte. Mord, Tod, ein Sumpf sinnlos vergossenen Blutes, eine einzige rote Spur von Verbrechen zu Verbrechen zeichnete den Erfolgsweg des Diktators, der un­beirrbar und stur", wie er sich selber gelegentlich nannte, seine papierenen Doktrinen zu verwirklichen sich vermaẞ. Auch hier war es eine bunte und durchaus nicht gleichwertige Gesellschaft, die in dieser Zelle auf den Abtransport nach einem der zahlreichen Konzentrationslager und Zuchthäuser wartete. Aber auch eine gänzlich unverdorbene Seele befand sich darunter, Hubert M., ein junger Kaufmann aus Königs­ hütte in Oberschlesien ; er ging gleich nach mir in die Ver­bannung nach Sachsenhausen. Er hatte nichts weiter ver­brochen, sondern lediglich versucht, dem Paradies Adolf Hit­ lers durch eine illegale Reise ins Ausland, nach Ungarn , zu entrinnen. Ein Agent der Sicherheitspolizei verhaftete ihn an der Grenze. Aus den bekannten dürftigen Gründen- Verdacht staatsfeindlicher Gesinnung wurde er in Schutzhaft ge­

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