Ein älterer, ganz sympathisch aussehender Mann trat auf mich zu und empfahl mir eindringlich,„künftig ja nicht mehr so dumm zu sein!“
„Tun Sie bloß nicht alles, was man von Ihnen verlangt“, sagte er im Tone spitzbübischer Väterlichkeit,„sonst sind Sie erle- digst und die Polizei hat keinen Respekt vor Ihnen, Es gibt nämlich hier keine dümmere Behörde als die Polizei' Man wird: glänzend mit ihr fertig, wenn man sie erst einmal durch- schaut hat. Wenn Sie also schon Zigaretten bei sich haben, dann sehen Sie zu, daß Sie die Ware auch herausbekommen, denn die Nacht ist lang und schlafen können Sie vor lauter Wanzen doch nicht.“
Ich versprach, die erste Gelegenheit, die mich mit meinem Gepäck in Berührung bringen würde, zu benützen. Die Ge- legenheit bot sich am gleichen Tag; meine geschiedene Frau, die durch die Gestapo von meiner Ortsveränderung und mei- ner bevorstehenden Verschickung gehört hatte, kam in die Ettstraße und brachte mir Lebensmittel und Zigaretten, Was mir vorher nicht möglich gewesen, gelang mir jetzt; ich steckte alles Mitgebrachte zu mir und kehrte, als die Zeit der Sprech- erlaubnis verstrichen war, in die Zelle zurück,
Unter den Insassen dieser Zelle waren zwei, die mich mehr als die anderen interessierten. Der eine, ein Unteroffizier der Luftwaffe, war wegen Verdachts der Fahnenflucht zu 15 Jah- ren Zuchthaus verurteilt und befand sich auf dem Wege in das Militärstraflager Lingen im Emsland . Der andere war ein ehe- maliger sozialdemokratischer Funktionär, der nach dreijähri- ger Haft im Konzentrationslager Dachau nach Berlin über- stellt werden sollte. Der erstere, der Soldat, war ein intelli- genter junger Mann, den das grausame Urteil des Militär- gerichts aus einem zufriedenen Familienleben herausgerissen hatte. Er erzählte mir seinen Fall ohne Umschweife und skiz- zierte damit eine Soldatentragödie, wie sie in dieser Form nur im Staate Adolf Hitlers möglich sein konnte. Der andere, der Sozialdemokrat aus dem Lager Dachau , fesselte oder vielmehr erschreckte mich seines Aussehens wegen; noch nie hatte ich bis dahin einen Menschen in einer so erbarmungswürdigen Verfassung gesehen. Der ganze Mann, dem ein ansgstvoller,
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