-
Das Polizeigefängnis an der Ettstraße war im Gegensatz zum Gestapogefängnis das reine Zuchthaus. Alle Privilegien, die ich dort genossen hatte, gingen mir hier verloren. Man nahm mir alles ab, was ich hatte Bücher, Schreibgerät, Zigaretten, Lebensmittel. Man stopfte mich in eine Zelle, in der sich bereits an die vierzig Personen befanden, und zwar durchaus nicht nur politische Gefangene, sondern eine höchst gemischte Gesellschaft. Alte und junge Männer, gut und schlecht gekleidete, saubere und abschreckend schmutzige, einige mit erträglichen menschlichen Gesichtern, andere mit weniger vertrauenerweckenden,- das alles schrie, tobte, stampfte, brüllte wüst und wirr durcheinander. Die einen sangen, andere beschimpften sich gegenseitig oder liefen wie gefangene Mäuse in dem unfreundlichen schmutzigen Raum auf und ab. Alle Augenblicke thronte ein anderer auf dem guẞeisernen Klosettbecken, dessen Wasserspülung schon längst nicht mehr funktionierte. Trotz des Verbotes wurde heftig gequalmt, nicht etwa Zigaretten oder Zigarren, sondern sogenannte„ Priemtüten", die aus getrocknetem Kautabak und kunstvoll gedrehtem Zeitungspapier hergestellt wurden und die einen Geruch verbreiteten, der sich in Verbindung mit anderen Gerüchen zu einer Atmosphäre verdichtete, die nur durch den idiomatischen Ausdruck ,, Knast " zu beschreiben ist.
Als ich diesen Raum betrat und die eiserne Tür sich hinter mir geschlossen hatte, bekundete man sogleich ein respektvolles Interesse für meine Person. Meine bessere Kleidung, mein von der hier vertretenen Allgemeinheit immerhin etwas abstechendes Äußere ließen sie in mir vielleicht eine Art höheres Verbrechergenie vermuten. Als ich ihnen aber sagte, daß ich Schutzhäftling und eines politischen Delikts wegen hier sei, erlahmte ihr Interesse sichtlich.
-
Ob ich nichts zu rauchen dabei hätte wurde ich gefragt. ,, Nein, hier nicht. Man hat mir alles unten an der Pforte abgenommen." Großes Bedauern bei den einen und ein spöttisches Gelächter bei den anderen.
,, Wie man nur so dumm sein kann!"
28


