Druckschrift 
Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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Das Polizeigefängnis an der Ettstraße war im Gegensatz zum Gestapogefängnis das reine Zuchthaus. Alle Privilegien, die ich dort genossen hatte, gingen mir hier verloren. Man nahm mir alles ab, was ich hatte Bücher, Schreibgerät, Zigaret­ten, Lebensmittel. Man stopfte mich in eine Zelle, in der sich bereits an die vierzig Personen befanden, und zwar durchaus nicht nur politische Gefangene, sondern eine höchst gemischte Gesellschaft. Alte und junge Männer, gut und schlecht geklei­dete, saubere und abschreckend schmutzige, einige mit erträg­lichen menschlichen Gesichtern, andere mit weniger vertrauen­erweckenden,- das alles schrie, tobte, stampfte, brüllte wüst und wirr durcheinander. Die einen sangen, andere beschimpf­ten sich gegenseitig oder liefen wie gefangene Mäuse in dem unfreundlichen schmutzigen Raum auf und ab. Alle Augen­blicke thronte ein anderer auf dem guẞeisernen Klosettbecken, dessen Wasserspülung schon längst nicht mehr funktionierte. Trotz des Verbotes wurde heftig gequalmt, nicht etwa Ziga­retten oder Zigarren, sondern sogenannte Priemtüten", die aus getrocknetem Kautabak und kunstvoll gedrehtem Zei­tungspapier hergestellt wurden und die einen Geruch verbrei­teten, der sich in Verbindung mit anderen Gerüchen zu einer Atmosphäre verdichtete, die nur durch den idiomatischen Aus­druck ,, Knast " zu beschreiben ist.

Als ich diesen Raum betrat und die eiserne Tür sich hinter mir geschlossen hatte, bekundete man sogleich ein respekt­volles Interesse für meine Person. Meine bessere Kleidung, mein von der hier vertretenen Allgemeinheit immerhin etwas abstechendes Äußere ließen sie in mir vielleicht eine Art höheres Verbrechergenie vermuten. Als ich ihnen aber sagte, daß ich Schutzhäftling und eines politischen Delikts wegen hier sei, erlahmte ihr Interesse sichtlich.

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Ob ich nichts zu rauchen dabei hätte wurde ich gefragt. ,, Nein, hier nicht. Man hat mir alles unten an der Pforte ab­genommen." Großes Bedauern bei den einen und ein spöt­tisches Gelächter bei den anderen.

,, Wie man nur so dumm sein kann!"

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