Druckschrift 
Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
25
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Ich weiß, daß Exzesse dieser Art nicht nur vorkamen, sondern in zahlreichen Fällen zur Regel gehörten. Wenn, wie in mei- nem Fall, man von solchen Mitteln keinen Gebrauch machte, so lag das nicht an einer besonders menschenfreundlichen Ein- stellung mir gegenüber, sondern ausschließlich in der Metho- dik eines Ermittlungsverfahrens, die immer nur im Sinne der größeren Erfolgsaussichten zur Anwendung gelangte, wobei der eine auf eine freundliche, der andere auf eine entgegen- gesetzte Behandlung rechnen konnte. Moralische Bedenken spielten dabei keine Rolle. Man verfuhr nach den Grund- sätzen der Zweckdienlichkeit, wobei es vorkommen konnte, daß man Menschen, deren Tod so gut wie beschlossen war, mit ausgesuchtester Liebenswürdiskeit begegnete, während man andere, bei denen es sich vielleicht nur um Bagatellen han- delte, halb zu Tode prügelte, Den krassen Beweis für die Rich- tigkeit dieser Darstellung lieferte mir später das Lager; ich werde bei passender Gelegenheit darauf zu sprechen kommen. Daß man in meinem Fall von der Anwendung eines verschärf- ten Verfahrens Abstand nahm, konnte mir zwar im Augen- blick nur recht sein, war aber durchaus kein Beweis für meine Harmlosigkeit. Hätte ich die Verhältnisse damals schon so gekannt, wie ich sie später kennenlernen mußte, wären mir gerade über diese Freundlichkeit und Nachsicht in der Behandlung die schwersten Bedenken gekommen.

AlsNeuling war ich indes froh, das Vernehmungszimmer unbehelligt verlassen zu können. Mir genügte, daß man mich mit den abgedroschensten Redensarten und sackplumpen Fra- gen belästigte, Anschuldigungen, die jede vernünftige Wider- legung unmöglich machten, da sie keiner sachlichen Betrach- tung entsprangen, sondern einem trüben Durcheinander rein gefühlsmäßiger und parteidienlicher Observanzen. Auf Fra- gen wie:Warum haben Sie sich nicht schon längst auf den Nationalsozialismus umgestellt? oderWas haben Sie eigent- lich an Alfred Rosenberg auszusetzen? gibt es keine im Augenblick greifbare Antwort; die einzige, die ich eventuell hätte-geben können, durfte ich im Interesse meiner eigenen

Sicherheit nicht sagen. So blieb es also meist bei einem Achsel- zucken oder Kopfschütteln meinerseits, was von meinen In-