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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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geradezu rechnerischen Sicherheit in eine neue nationale Katastrophe hineinführen würde.

Für den Staat bildeten diese Aufzeichnungen zunächst so gut wie gar keine Gefahr, für mich aber hatten sie einen hohen dokumentarischen Wert und schufen in ihrer Eigenschaft als zeitgeschichtliches Material eine Voraussetzung zur Politi­sierung meines Privatlebens, die mir um so notwendiger erschien, als ich sah, daß man auf der anderen Seite alles aufbot, die Volksmassen für eine sehr gefährliche und unheil­bringende Ideologie empfänglich zu machen. Für die Gestapo waren diese Bücher allerdings ein sehr aufschlußreicher Fund, ein glücklicher Fang", wie Herr Grimm sich über­legen lächelnd ausdrückte. Meine Entgegnung, daß Aufzeich­nungen dieser Art und die privaten Ansichten einzelner über ein Regierungssystem, selbst im Falle krassester Ab­lehnung, noch keine direkte Gefahr für den Staat bedeute­ten, wurde begreiflicherweise nicht anerkannt.

,, Sie sind als Staatsfeind entlarvt", sagte Herr Grimm ,,, daran können alle Erklärungen nichts mehr ändern und Sie müssen die Suppe, die Sie sich da eingebrockt haben, eben aus­löffeln."

Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß meine sofortige Ver­haftung auf Grund eines Beschlusses des Reichs- Sicherheits­hauptamtes in Berlin ( es stand damals unter der Leitung des dann im Jahre 1943 in der Tschechoslowakei ermordeten SS­Obergruppenführers Heydrich ) erfolgte, und daß irgendeine Berufung gegen diesen Beschluß unmöglich sei.

,, Rechtsmittel stehen Ihnen nicht zur Verfügung!" wurde ich belehrt ,,, Anordnungen des Hauptamtes sind unumstößlich." Man händigte mir eine Zweitschrift des ,, Schutzhaftbefehls" aus, einen roten Zettel, der meine Personalien enthielt und die Gründe zur Inhaftnahme.

Ich muß gestehen: ich war zutiefst erschüttert über diesen Gewaltakt, der mich mit einem Schlag aus allem herausriẞ, allen Härten und Unbilden zum Trotz was mir das Leben

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liebenswert gemacht hatte.

Vierzig Jahre alt, nach Zeiten bitterer Entbehrungen und Enttäuschungen, und gerade in jenen Tagen aufs neue ent­

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