Da nahte sich müden Schrittes einer meiner Vorarbeiter
- er war Tscheche und sagte mir: ,, Da drüben, der kleine Pole, hat schon wieder Blut gebrochen und ist völlig zusammengeklappt. Aber, ich sage ja, das kommt vom Salzfressen!"
Ich stugte, glaubte nicht verstanden zu haben und bat, das Gesagte noch einmal zu wiederholen, denn was ich hier hörte, war mir völlig neu.
Er berichtete mir, er habe den polnischen Kameraden wiederholt beobachtet, wie er Salz ab und habe ihn des öfteren auf die Gefährlichkeit seines Tuns hingewiesen. Ich schalt den Vorarbeiter, daß mir dieser Vorfall nicht eher gemeldet worden war und hieß ihn, den jungen Menschen sofort zu mir zu bringen.
Wenn mich vor einigen Minuten der Gedanke der Selbstaufgabe übermannt hatte, so war das eine Krise, der man mehr oder weniger in diesem unmenschlichen, erbärmlichen Zustand unterworfen war. Aber der Glaube im Herzen weckt und stählt erneut den Lebenswillen, und er half mir auch in dieser Stunde über den gähnenden Abgrund hinweg. Ich konnte daher meinen jungen polnischen Kameraden nur zu gut verstehen, als er vor mir stand. Er war ein schmächtiger, völlig ausgepumpter und verhungerter neunzehnjähriger Mensch ein leibhaftiges Modell der bekannten Künstlerin Käthe Kollwit ein Opfer nationalsozialistischer Barbarei, das Produkt erlittener Grausamkeiten, körperlicher und seelischer Quälereien und des alles zerfressenden Hungers.
Ich faßte meinen Schicksalsgefährten bei den Schultern, versuchte in seinen starren Augen noch irgendein Zeichen seelischen Lebens zu finden, aber alles schien wie tot.
„ Warum tust Du das? Warum iẞt Du dieses Kalisalz? Du weißt doch, daß Du daran stirbst! Du bist noch so jung und willst schon sterben?" ,, Ist egal, ich sowieso tot, wir alle tot; dann lieber schnell tot, zuviel Hunger, zuviel Schwäche!"
Ich erklärte ihm, daß das nicht egal wäre, denn wenn wir alle so dächten wie er, würde keiner von uns die Freiheit mehr erleben. Vier Jahre hätte er im Konzentrationslager ausgehalten, Mord, Tod und Teufel Trots geboten und den Glauben und die Hoffnung bisher nicht verloren. Jetzt, wo es bald zu Ende wäre, möge er doch nicht schlapp machen, sondern die Zähne zusammenbeißen und noch ausharren.
Ich versuchte, ihm von meinem Glauben abzugeben, denn etwas anderes besaß ich selbst nicht, doch sah ich schnell, daß meine Worte nicht genügten, die Erstarrung seiner Seele zu lösen.
Ich sprach daraufhin von seiner Familie. Er wußte nicht, ob noch jemand von ihnen lebte, denn seit Jahr und Tag war kein Lebenszeichen zu ihm gekommen. Ich machte ihm Hoffnung, daß er den einen oder anderen seiner Lieben bestimmt noch einmal wiedersehen, daß er selbst wieder ans Tageslicht kommen und die Sonne schauen dürfe. Vielleicht blühe ihm schon morgen dás Glück, denn wir sollten eventuell am nächsten Tage nach langen
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