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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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würde. Ich nichts und weinte nur. Außerdem war mir sehr kalt, denn ich trug nur ein Dirndlkleid. Als einziges Hab und Gut hatte ich ein Taschentüchlein.

Mit meinen Gedanken war ich immer bei meinem Peterl und seinem Leiden. Konnte ich doch nun erst ermessen, was es heißt, eingesperrt sein, getrennt von allen Lieben!

Inzwischen unternahm mein Vater Schritte bei der Münchner Gestapo und nach sechs Tagen wurde ich wieder auf freien Fuß gesetzt. Ganz arm war ich. Nicht einmal die paar Pfennige hatte ich, um mit der Straßenbahn nach Hause fahren zu können. Groß­mutters Hausfrau, die mich nach meiner Entlassung herumirren sah, hielt mich an und drückte mir 20 Pfennig in die Hand. So konnte ich wenigstens nach Hause fahren. Als ich heimkam, sank ich neben dem Tisch in Großmutters Arme und weinte!'

Für Elfi war das sehr viel gewesen. Sie hatte keine Ahnung vom schmutzigen Leben gehabt, sie war ein Kind, das im Eltern­haus beschützt wurde. Es traf sie um so mehr. Zum Glück bekam sie ohne Vorwurf ihre Stelle wieder. Herr Hofstätter hatte volles Verständnis, da er kein Anhänger dieses Gesindels war.

Dort hatte Elfi Arbeitskolleginnen, die ihr immer wieder von mir abredeten, erzählte mein Schwesterchen weiter.

,, Lange Zeit blieb sie in ihrer Freizeit immer daheim. Sie ging nur ins Büro und kam abends nach Hause.

Der Schmerz um dich wurde größer und größer. Als sie ihr Zimmer deinetwegen aufgeben mußte, als man ihr auch sonst über­all etwas in den Weg legte, verlor sie sich. Freundinnen, gesellige Abende, nette Herren kamen und Elfi war eine Dame, die schließ­lich jeder Gesellschaft Freude machte. Der Schmerz um dich, das ferne Elternhaus, alles trug dazu bei. Uns wurde sie immer fremder. Kam sie spät abends nach einer vielleicht äußerlich schön verlebten Stunde nach Hause, nahm sie dein Bild, das immer auf ihrem Schreib- und Nachttischchen stand, und weinte. Oft nahm sie sich vor, dir zu schreiben. Sie begann einmal, zweimal, dreimal zuletzt mahnte sie die Stimme des Gewissens und sie zerfetzte unter Tränen den Brief. So ging es monatelang. Sie wurde immer trostloser, ihr Dasein wurde immer fürchterlicher. Manchmal war sie nahe daran, sich das Leben zu nehmen. Nur der Gedanke an dich und die Hoffnung, daß vielleicht doch noch ein­mal alles gut werden könnte, hielten sie zurück. Sie hatte aber nicht mehr die Kraft, dir zu schreiben.

Nach vierzehn Monaten schmerzlichen Wartens lernte sie einen Feldwebel der Luftwaffe kennen, der ihr nach kurzer Zeit die Ehe versprach. Sie machte ihm zwar von Anfang an klar, daß sie nicht wisse, was geschehen würde, wenn du eines Tages wieder kämst, aber dann gab sie ihm doch ihr Wort. Wir trafen sie mit ihm eines Nachmittags am See.

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