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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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Lange dauerte es, bis ich sie überzeugt hatte. Sie kam zögernd, mit der Lampe in der Hand, im Nachthemd zu mir. Sprachlos, niedergeschmettert, mit Tränen im Auge, lehnte ich an der Bett­wand. Sie leuchtete mir ins Gesicht.

,, Ja, du bist mein Kind, mein Selmo!"

Genau so war es mir bei der Großmutter ergangen. Erst als ich ihr alle meine Sachen und Kleider aufgezählt, den Platz geschildert, wo sie diese aufzuheben pflegte, hatte sie ihr Enkelkind erkannt.

,, Kommt, Kinder, der Selmo ist wieder da!", rief die Mutter. Da kamen zögernd, im Schlafrock, die Schwestern, erst vorsichtig den Kopf zur Tür hereinsteckend. Sie waren groß und stattlich gewor­den in diesen sechzig Monaten.

Mein Mütterchen stand nun da, umgeben von jungem, hoff­nungsvollem Leben.

Die Geschwister bauten sich stolz, mit verschränkten Armen, vor ihrem großen Bruder auf. Sie konnten es nicht fassen.

Nicht alle waren es mehr. Tod, Krieg und Haß der Feinde, die nicht in mir allein den Gegner fanden, hatten der Mutter noch zwei Brüder genommen. Einer stand im Norden ,, gegen jeden Feind", der Jüngere starb, nachdem er vergebens mit den Tagen gerungen, um mich noch einmal zu sehen. Vater ruhte längst in kühler Erde. Die beiden Jüngsten waren in eine Erziehungs­anstalt gesteckt worden. Aus den wunden Herzchen vor mir tropfte heißes Blut im Schmerz um die Verstorbenen.

Wie viel hatten sie mir zu erzählen, als sie mich, den Bruder, erkannt hatten!

Endlich faßte ich Mut und fragte meine Angehörigen um mein Lieb. Sie mußten es doch wissen!

,, Ja", meinte mein Schwesterchen ,,, das will ich dir alles der Reihe nach erzählen".

Wir ließen uns im Bauernstübchen nieder und sie begann: ,, Eines Tages kam ein liebes, nettes Ding zu uns. In den Hän­den trug sie schwere Koffer. Erst berichtete sie vom Unglück, das euch durch Verrat traf, dann von ihrer Flucht von Dachau nach Graz . Sie erzählte folgendes:

, Am 25. Juni 1941, es war ein schöner Samstag, wurde ich zum Chef der Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung in Dachau gerufen. Es war SS- Obersturmführer Vogt. Dort wurde mir vorgehalten, daß ich mich mit dem Häftling Nr. 78 näher ein­gelassen hätte. Ich wies das natürlich energisch zurück, es war ja auch nicht wahr! Wir hatten uns Liebe und Treue ge­schworen und einander für das Leben verpflichtet. Außerdem waren seine Entlassung vom Chef der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler , sowie Einstellung als Kunstmaler in die Versuchsanstalt versprochen worden. Es folgten lange Vernehmungen. Man drohte mir auf das Gemeinste, vor allem damit, mich auch ins Lager zu stecken, und

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Selbstbildnis