nächsten Schlag nicht mehr zu ertragen glaubten. Für alle Welt verständlich. Ich will die Armen nicht kritisieren der Selbsterhal
tungstrieb macht die Bestie im Menschen frei.
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Auf alle Fälle hatte diese Klasse außer guten Beziehungen zu Küche und Bekleidungsverwaltung auch große Bestimmungsrechte. Sie bekleideten Posten als Lagerälteste, Stellvertreter, Lagerschreiber, Läufer, sie besetzten sämtliche Capostellen, Kommandos und Werkstätten und bestimmten zusammen mit dem SS - Personal das Atemrecht des Mitbruders. In ihnen war jede Menschlichkeit zerschlagen, verneint!
Verrat folgte auf Verrat. Die kleinste Unstimmigkeit oder der unerfüllte Wunsch eines vorgesetzten Capos genügte, das Würfelspiel des Lebens verspielt zu haben und in der nächsten Stunde sein Leben in einer Ecke auszuhauchen.
Wie war es fürchterlich, als an einer Arbeitsstätte zwei Kameraden, ein polnischer Realschulprofessor und ein anderer Pole, die Stahlhelme spritzten, plötzlich die Sympathie ihres Capos verloren hatten. Ein harmloses Gespräch bedeutete ihr Ende. Die beiden wurden von der SS beschuldigt, die Spritzschicht zu dünn aufgetragen zu haben, damit die Kugeln des Feindes leichter durchgehen sollten. Sie wurden abgeführt und in den Bunker gesperrt, von wo sie nach kurzer Vernehmungszeit eines Morgens, als die Sonne die trübe Heide grüßte und über den schauerlichen grauen Mauern aufging, durch ein Spalier von 20.000 Seelen vor den Galgen geführt wurden, der von Häftlingen um 3 Uhr früh am Ende dieser Straße errichtet worden war. Ein kurzer Befehl des Reichsführers SS Himmler , der vom Lagerführer vorgelesen wurde, verkündete den nichts Ahnenden den Tod um 6 Uhr früh.
20.000 Augenpaare rollten wie strahlende Scheinwerfer in Kreuzform vor den Schritten der beiden Delinquenten, die in aufrechter Haltung unschuldig und lautlos dem Galgen zuschritten.
Der erste bestieg schweigend die letzte Stufe seines Lebens. Er blickte fest und unerschüttert seinen Kameraden an, während ihm ein Häftling die Schlinge um den Hals legen mußte, die der Held selbst richtete. Mit einem Fußtritt wurde dann die kleine Holzstufe zu seinen Füßen herausgetreten und der halbverhungerte Kadaver hing im Glanz der aufgehenden Sonne, die ihm der Allmächtige als letzten Gruẞ sandte.
Der zweite streifte, ohne sich zu rühren, mit ruhigem Blick den Sterbenden und die offenen Särge. Sechs Uhr war es. Nach zehn Minuten, als sein Bruder nach kurzem Rütteln aus der Schlinge in den Sarg gefallen war, betrat der zweite den Galgen. Während ihm die Schlinge um den Hals gelegt wurde, erhob er die rechte Hand. Er grüßte seine Kameraden und starb dann ebenfalls lautlos. Auch er rollte kurze Zeit darauf entseelt aus der Schlinge in den zweiten Sarg, zur Linken seines Bruders.
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Partiturseite: ,, Consumatum est"


