Herz bebte in meiner Brust, dehnte und schwellte mir meinen kranken Atem. Nach einem Seufzer aus den Tiefen, der gleichzeitig jede Fessel brach, erleichterte ich meine Gebundenheit, spielte mir den Schmerz von der Seele, erhob mich in das Reich der Schöpfenden und träumte weit von dieser Erde in einer auserwähl- ten Welt. Alles versank um mich! Jeder Kummer verstummte, alles, was ich bin und will, sprach aus meiner Geige! Was ich stets ver- schwieg und tief begrub, es lag nun sprechend-offen vor dir, Menschheit, unterm großen Himmel, der uns kommen und vergehen läßt.
Mit dem Intermezzo von Mascagni und der Kleinen Nacht- musik von Mozart klang die Probe aus. Oh, wie schön waren diese paar Stunden! Stunden, die jeden Hungernden von uns sättigten und vergessen halfen. Rings um uns standen einige müde Kame- raden, die am Schluß kaum aus dem Block zu bringen waren. Auch sie träumten mit uns und empfanden gleich uns, auch sie entriß die Gottheit Musik allem Elend und Verderben.
In gedrückter Stimmung torkelte ich über den Platz nach mei- nem Zimmerchen. Wenn ich nach den Proben auch nie guter Laune war, weil ich immer noch weiter und weiter üben wollte und mich nie gesättigt fühlte, am liebsten bis zur völligen Ermattung auf dem Podium geblieben wäre, war ich doch noch der Glücklichste von allen. Ich konnte mich in ein Zimmerchen zurückziehen’ und dort weiterträumen, brauchte das Hasten und Treiben im Block nicht mehr mitmachen und war vor allem der Willkür der Blutdürstigen entronnen, gegen die sich alle anderen stets und immer mit Todes- verachtung stellen mußten.
Willi, der Leichenschneider, erhielt eines Tages Befehl vom Arzt, mich in die Pathologie zu führen und dort über den gesamten Betrieb genauestens aufzuklären.
„Peterle, mein gutes Peterle, was hab’ ich dir getan— hab’ keine Ruh!“, so sang er schon den Gang entlang und rief mich mit diesem Lied. Falls ich in einem der Krankensäle gewesen wäre, hätte ich ihn hören müssen, und sofort gewußt, daß er mich damit suche.
„Peterle, mein gutes Peterle'— und schon riß er singend die Tür meines Zimmers auf. Blieb eine Weile, die Hände in den Hosen- taschen, die Mütze schief aufs rechte Aug’ gedrückt, wie ein rich- tiger Hafengangster in der Tür stehen und guckte mir gleich einem verdutzten Mädchen zu, während ich, ohne mich umzusehen, weiter am großen Zeichenbrett arbeitete..
„Was hab’ ich dir getan, find keine Ruh‘!”, sang er mich weiter an, weil ich mich noch immer nicht verleiten ließ, ihm Aufmerk- samkeit zu schenken.
„Ja, Willi, was hat's denn? Komm'rein und mach die Tür zu, du alter Lump!', sprach ich ins Zeichenblatt hinein. Er ließ sanft
152


