Nach der Entlausung wurden wir in einen anderen Block ver- legt. So kam ich auf Block 51 und später auf Block 37. Dort lagen wir nun wie die Heringe zusammengeschlichtet. Keiner war im- stande, sich während der drei Wochen, die wir dort verbringen mußten, auch nur einmal während der Nacht halb umzudrehen.
In einem Block, in dem sonst kaum 300 Häftlinge Platz fanden, wurden jetzt 500, 700 und noch mehr untergebracht.
Ein Tisch war mehreren Gruppen zugeteilt. Normal konnten an einem derselben zwölf Mann Platz finden, jetzt waren in einer Gruppe 30! Man faßte sein Essen, stellte sich auf die Straße und aß. Im Block war es einfach unmöglich geworden. Man war draußen allerdings im Nachteil. Erstens war es kalt, zweitens pfiff der Wind, daß man sich kaum auf den Füßen halten konnte und drittens wurde die Suppe zum dicken Koch, weil der Sand vom Winde in die Suppe getragen wurde. Und zuletzt standen neben einem zehn und noch mehr Häftlinge, die nur darauf warteten, daß man etwas übrig ließ. Manchmal, wenn man sehr verstimmt war, kam es viel- leicht vor. So ein armer Teufel hatte vielleicht einmal in der Woche das Glück, eine Schale mit Pellkartoffeln zu erwischen.
Außerdem war die Entlausung völlig umsonst. Nach derselben krochen die lieben Tierchen oft erst recht auf dem Hals herum.
Das Fleckfieber wurde also genau wie vorher weiter übertragen.
Post gab es zu dieser Zeit keine, auch durften wir nicht schrei- ben. Damit war man von der Außenwelt vollkommen abgeschlossen.
Inzwischen war das Lager eine internationale Kolonie ge- worden. Franzosen , Holländer, Russen, Tschechen, Belgier, Leute aus Holländisch -Indien, Norweger, Italiener, Polen , Afrikaner, Chinesen, Japaner und Spanier waren außer den Männern aus allen Gauen Deutschlands vertreten.'
Jede Nation hielt sich gehörig zusammen und unterhielt sich friedlich. Selbst gesanglich gab es schöne Darbietungen unter uns Häftlingen. Nur eine Nation war das Gegenteil— es handelte sich um Norddeutsche. Das war die zerrissenste Körperschaft in diesem großen Elendshaufen. Alle anderen halfen ihren Kameraden. Man konnte Bilder der Kameradschaft sehen, die einen zu Tränen rühr- ten. Es war rührend anzusehen, wenn einer dem anderen ein paar Kartoffeln nachtrug und ihn fütterte, wenn dieser selbst nicht mehr imstande war zu essen.
Außer Polen , Russen und Franzosen , die aus allen Schichten ihres Volkes zusammengewürfelt waren, gab es bei den anderen nur Hochintelligenz, Künstler, Professoren, Philosophen, große Bau- meister und Ingenieure mit Namen. Sie waren alle gleich, alle vom gleichen großen Elend heimgesucht. Es gab keinen Unterschied. Offiziere fremder Nationen, Kameraden voll höchster Anständigkeit, ja, ganze Universitäten samt den Studenten aller Fakultäten
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