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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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helfen konnte, so war sein Benehmen doch ein Trost. Er meinte, er werde mich bis Mittag bei sich sitzen und erst in der Mittagszeit zurückführen lassen.Bis dahin, fuhr er fort,ist der Lagerführer beim Essen und wird sich nicht die Zeit nehmen, Sie wieder zu massakrieren.

So geschah es. Am Nachmittag, es war etwa drei Uhr, wurde ich wieder dem Lagerführer vorgeführt. Er wollte mein Geständnis, daß ich mit Elfi ein intimes Verhältnis unterhalten habe. Das war bei Gott nicht nur nicht wahr, sondern auch nicht möglich. Er las mir ein Protokoll vor, demzufolge ich meinen Kameraden davon erzählt hätte, und als ich auch das zurückweisen mußte, ließ er mir sofort 25 Doppelschläge verabreichen. Als ich noch auf dem Block hing, fragte er mich abermals. Auch diesmal mußte ich verneinen, worauf er mir noch einmal 25 Hiebe geben ließ. Abermals verneinte ich! Er zog nun die Ketten um meine Fesseln derartig zusammen, daß ich wie ein junger Hund aufwimmerte. In seiner Wut zerkratzte er mein Gesicht und bohrte seine Fingernägel in meine Wangen, wobei er immer wieder schrie:Ich zerfleische Dich noch, Hund, verfluchter!" Dabei keuchte und schnaufte er wie eine gejagte Ratte. Ich glaubte nicht mehr lebend von der Stelle zu kommen und vertiefte mich schweigend ins Gebet, während der Schuft mich immer wieder anschrie und schlug. Ich weinte nicht, sondern verbiß meinen Schmerz, obwohl mein Unterleib wie gelähmt war und meine Zunge am Gaumen klebte. Todesschmerzen umdräuten mich und mit den Kreuzworten Christi:Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist, schlummerte ich ein.

Zweiundvierzig Tage und Nächte, in denen ich nur neun Mahl- zeiten erhielt, vergingen. Meine Gebeine, die sie gezählt hatten, spürte ich bei jeder Bewegung. Am letzten Martertag impfte man mich gegen Fleckfieber und ließ mich samt meinem Kameraden ein- kleiden. Wir gingen auf Transport! Mit Trostworten und der Ver- sicherung, daß dem Mädchen nichts geschehen sei, verabschiedete sich der Gestapomann von uns und wir bestiegen ein Auto, das uns ins Polizeigefangenenhaus München brachte. Dort blieben wir einige Tage, dann ging die Fahrt nach Hof, wo wir in einer Zelle des Gerichtes übernachteten. Am nächsten Morgen führte uns ein Polizeiwagen nach Halle, anschließend nach Dresden . Auch dort blieben wir nur vier Tage, dann ging es in Zellenwaggons nach Berlin .

Hunger und Durst hatten wir wie Wanderer, die Wochen durch die Wüste irrten. Wir waren mit Ketten aneinander gefesselt und sprachen oft stundenlang nicht. Wir waren müde und starrten geistlos, mit gesenkten Köpfen, in die Zukunft.

Mit Tränen in den Augen trösteten wir einander und schwiegen wieder, bis einer weinte.

So fuhren wir zwölf Stunden. Der Zug hielt und wir wurden von Schupoleuten mit wüstem Geschrei aus dem Wagen gejagt.

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PB ET