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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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gestellten Geige vorspielen mußte. Noch weiter ging die An­näherung. Im Gemeinschaftsraum stand ein Klavier, auf dem ich ihm meine Kompositionen vorspielte. In diesen Stunden war er nett und untertan wie alle diese primitiven Geister. Im nächsten Moment aber kaum hatte man die Tür hinter sich geschlossen- schlug der Kerl auf den nächsten Häftling, der ihm unterkam, wie ein Wilder ein. Jeder Versuch, ihn zu bewegen, den Häftlingen wenigstens etwas nachzusehen, blieb erfolglos und brachte ihn erst recht zur Raserei.

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So blieb mir nichts übrig, als den Unhold auf diesem Fleck Bluterde mit gemeinsten Waffen unschädlich zu machen. Es galt ja das Leben der leidenden Häftlinge, das Leben manchen Vaters, Bäutigams oder Sohnes einer gemarterten Mutter oder Frau!

Eines Tages versuchte ich, einen Freilandscapo, mit dem ich zuerst alles genau besprochen hatte, zu überreden, er möge sich opfern. Ich befahl ihm, einen einen Postenträger, der auch Häftling war und als Liebkind Neumanns diesem alles hinterbrachte, so zu ohrfeigen, daß er Neumann Meldung machen würde. Dieser Häftling war ein grauenhafter Gangster, der viele Kameraden auf den Pfahl und über den Bock gebracht hatte. Da Vogt von mir so weit beeinflußt war, daß er öffentlich das Schlagen auf der Plantage verboten hatte und da ich genau wußte, daß Neumann sich dadurch nicht abhalten lassen würde, war das die geeignetste Methode, diesen Gegner zu Fall zu bringen.

Als der Häftling verprügelt war, führte ihn sein erster Weg zu Neumann. Der tobte und schlug den braven, anständigen Capo, der vollkommen einverstanden war und bei Vogt einen großen Stein im Brett hatte. Nach diesem Vorfall machte ich Meldung und Vogt bestimmte Neumann zum Rapport. Die Entzweiung zwischen den beiden war gelungen! Der Capo wurde von Vogt gedeckt und meine Aufklärung über Neumann und den Postenträger, der ein Berufs­verbrecher war, hatte genügt, um diesen BV- er vom Arbeitsplatz abzukommandieren. Die Gegensätze zwischen Neumann und Vogt wurden immer größer und unerträglicher. Es brauchte nur noch einen kleinen Anstoß und Neumann mußte fallen. Ich überlegte und spann mein Netz um diesen Massenmörder. Endlich fiel mir ein, daß wir auf der Plantage Minzteefelder hatten, die mit ver­schiedenen anderen Kräutern und Pflanzenwerk den sogenannten ,, Deutschen Tee" ergaben. Die Mischung wurde sehr geheim ge­halten und man erfuhr nie, woraus dieser ,, Deutsche Tee" eigentlich zusammengesetzt war. Gleichzeitig erinnerte ich mich, daß Vogt um die Geheimhaltung der Mischung sehr besorgt war.

Eines Tages, als das Rezept dieser Teemischung bei der Zu­sammenstellung der Pflanzen, die ich malen sollte, in meine Hände gelangte, schrieb ich es mir auf einer Schreibmaschine, die nur von Neumann benützt wurde, ab. Diesen Zettel warf ich in einen Papier­

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