Druckschrift 
Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
Entstehung
Seite
64
Einzelbild herunterladen

gunsten vieler Häftlinge das Herz des verrohten Blockführers zu erweichen und zu öffnen.

Unter uns gab es oft sehr große Konkurrenzen und Wettspiele. Ich suchte, wo immer ich konnte, die Musik einzuflechten und in den Vordergrund zu schieben, um solche Spiele in die Öffentlichkeit zu bringen. Die Anteilnahme der Häftlinge, die das hörten, wurde so groß, daß Gesprächsstoff für die ganze Woche vorhanden war. Selbst auf den Arbeitsplätzen wurden lebhafte Debatten geführt. Schließlich beteiligten sich sogar die Blockführer daran, die kriti­sierten oder beim Aufeinanderprallen der Meinungen Schiedsrichter spielten. Es war ja ganz klar: der Herr Blockführer mußte doch etwas von Musik verstehen und wenn er fühlte, daß zwei etwas unbeholfen sich über Musik unterhielten und nicht ins Reine kamen, gab er, da er die Spieler kannte, seinen Text dazu. Kam ein Block­führer aber zu den Musikern, die sich über ein solches Thema unter­hielten, redete er gern mit und überschüttete die Debattierenden während ihrer Arbeitszeit mit tausend Fragen. Er wollte ja etwas wissen, viel mehr wissen, als ihm bisher gegönnt war. Er litt an Wissensdurst und trank, wann und wo er trinken konnte, wobei oft der ganze Nachmittag oder Vormittag vergingen. Es wurde dann nichts gearbeitet, aber man kam dem Blockführer näher und dieser wieder lernte durch die Diskussion den Häftling näher kennen und respektieren. So merkte bald auch die SS, daß wir ihre geistige Unterlegenheit, wenn notwendig, zwar auszunützen verstanden, uns aber auch ihrer erbarmten. Sie begannen sich daher langsam zu schämen, wenn sie auf geistig weit überlegene Menschen ein­schlugen.

Ein völlig neuer Wind strich durchs Lager, ein Wind, der die Behandlung der Häftlinge wesentlich zu ihrem Vorteil zu beeinflussen begann. Wer da noch im Weg stand, wurde einfach durch die Meinung der Blockführer, die natürlich übergewichtig auf Seite der Musik waren, niedergetreten oder weggefegt. Somit hatte die Geige, wie so oft im Leben, nicht nur mich, sondern mit mir Tausende ge­bändigt und umgeformt. Ich kann mit ruhigem Gewissen sogar sagen, erzogen.

-

Nur einer stand uns füchterlich im Weg der schon genannte Untersturmführer Neumann. Der ließ sich von keinem Blockführer etwas erklären und jede Für- und Vorsprache verlief im Sand, war im Gegenteil noch gefährlich. Wie oft traten seine SS - Schulkollegen für uns ein da sie Untergeordnete waren, fielen sie völlig in Un­gnade. Solche Vorsprachen fanden aber ihren Niederschlag in Fragen an mich, die mir alles verrieten. So etwa: ,, Ich hörte, daß Sie ein großer Musiker seien. Was spielen Sie?"

-

In solchen Augenblicken versuchte ich, dem Frager näherzu­kommen. Das ging so weit, daß er mich während der Arbeitszeit in seine Wohnung führte, wo ich ihm auf einer von ihm zur Verfügung

64

Akelei( entstanden im Malkommando des KZ)