Druckschrift 
Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
Entstehung
Seite
37
Einzelbild herunterladen

Luft. Ich merkte an seinen Zügen, daß ich ihn getroffen hatte und daß durch sein Gehirn, vielleicht durch meine Musik ausgelöst, ein Mahnruf an seine grobe Seele ergangen war. Auch der Blockführer, der bei ihm war, schwieg und rührte sich nicht vom Platz. Mir perlte der Angstschweiß von der Stirn und meine Tränen fielen auf die dunkle, abgeschmierte Geige.

Als ich das erste Stück beendet hatte, befahl der Lagerführer kurz, ohne mich anzusehen, weiterzuspielen. Inzwischen kam ein Häftling, Mitglied der Stuttgarter Oper, mit einer chromatischen Harmonika, der mich nun begleitete. Wir spielten verschie- dene bekannte Stücke, leichte und schwerere, darunter einige, zu denen der Opernsänger sang. Bald gesellte sich einer mit einer Gitarre dazu und wir hatten uns nach einigen Takten so zusammen- - gefunden, als hätten wir schon Jahre miteinander gespielt.

i So hatten wir etwa eine Stunde konzertiert, als der Lagerführer - dem Rapportführer befahl, meinen Namen aus der Liste der Straf- kompanie vorläufig zu streichen. Dann zogen sie ab und ließen uns im Revier stehen. Noch einmal wurden unsere Namen und Num- mern vom Schreiber des Reviers aufgenommen, worauf wir im Lauf- schritt in unseren Block entlassen wurden.

Es war inzwischen Mittag geworden und die Freizeit, vielmehr die Mittagszeit, war vorüber. Es brummte derBär " und dieses Zeichen bedeutete, daß wir in der Lagerstraße zum Abmarsch auf den Appellplatz gestellt sein mußten. Jede Kolonne, die aus Häft- - lingen eines Blocks bestand, marschierte singend auf den großen Platz, auf dem jedem Block sein Standplatz zugewiesen wurde. Nach kurzem Appell hieß es:Arbeitskommando formieren!, worauf wir lautlos und im Laufschritt zu den neu zugewiesenen Kolonnen rannten, den sogenannten Arbeitskommandos, die sich bereits zum Abmarsch rangierten. Wir wurden, wie es hieß, nach Berufen zu- geteilt. Meine Kameraden hatten mich aber schon vorher aufgeklärt,

nd ich wurde von einer geheimnisvollen Hand, ohne dies zu

spüren oder zu sehen, in dasArbeitskommando Plantage ge- schoben. Dort, so lautete mein Auftrag, so riet man mir, sollte ich mich, wenn der Capo nach Beruf und Stand fragen würde, ein- fach als Gärtner ausgeben. Bald darauf setzte sich die Kolonne, links und rechts von - SS-Posten bewacht, singend in Bewegung. Der Marsch ging durch # das Haupttor, durch das Eicke-Haus, am Eicke-Platz vorbei, über ' das Exerzierfeld längs der Lagermauer der Plantage zu. Im Süden, weit vor uns, sahen wir die schneebedeckten Berge unserer Heimat, die von uns durch eine große, unübersehbare Fläche getrennt waren. Vor uns, nach Osten, breitete sich eine wüste, ungepflegte Fläche aus, die vom Arbeitskommando zu einer Plantage gemacht und bearbeitet werden sollte. Wir marschierten etwa eine Viertelstunde zu unserem Standort, wo esArbeits-

37