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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
Entstehung
Seite
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Noch einmal zogen diese Bilder an mir vorüber, als ich, elendes Wrack, zusammengebrochen in der dunklen Zelle kauerte und meiner Vergangenheit ade sagte....!

Nun heftet sich wieder das gleiche Gefühl an mich, wie immer, wenn eine Änderung sich nähert. Vor dem Schlafengehen öffnet sich die Tür und ein Beamter kündigt uns an, daß wir morgen abgehen sollten. Uns wäre es lieber, wenn man uns nichts mehr mitteilte. Ruhe! Mit dir, traurige Zellenruh', haben wir uns längst verbunden. Du bist der Herd, der uns erwärmt, wenn uns das Frösteln stiller Angst umklammert. Niemand sehen, keinen Menschen hören, ganz für sich sein mit seinem Elend, ihm jeden Atemzug weihen, das wird der Grundsatz der Verfluchten. Es ist das Leiden, das zum Brot des Leidenden wird. Er muß es haben, er, der immer Heimgesuchte. Es wird zum Freund, zum Ernährer des ihm Geweihten.

Kaum wird die Zelle licht. Es mag 3 Uhr früh sein. Der Sonntag betritt die belebte Gruft. Man schläft nicht mehr. Mit offenen Augen verfolgt man das Werden des Tages. Er, der neu Gespendete, wird mir nun, was er immer sein sollte eine gottgewollte Herrlichkeit! Nur so lernt man das Leben leben, die Göttlichkeit jeder Stunde, die man immer vergebens suchte, finden. Ob trüb oder klar, ob Sonne oder Regen, der Tag wird dankbar verlebt. Es glüht das Herz, wenn die kleinste Freiheitsregung sich deinen Menschenaugen zeigt. Zur Gottheit wird die Stunde, wenn du den Gott in diese trägst.

So ward der Tag begonnen.

Unten, im düsteren Hof, hört man die Motoren der Autos. Wir gehen hintereinander, die Köpfe erdwärts gesenkt und schweigend, die Stufen hinab. Ungewißheit erfüllt uns, und die Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Niemand ahnt die Wirklichkeit. Bald wird sie uns klar. Beim Ausgang in den Hof stehen zwei SS-Posten mit Gewehr, andere umstellen den Wagen. Ein banges Gefühl! Die schwarzen Lurpen! Wie Totengräber stehen sie da. Brutale, gemeine, rohe Gesichter! Sie messen blutdürstig jeden einzelnen und ver- folgen jeden Schritt. Man meint, den Boden unter den Füßen ver- loren zu haben. Es ist ein Augenblick, der die gleiche Ahnung gebärt, wie der Augenblick vor dem Tod. Wer weiß von diesen Henkers- knechten? Alles, was verurteilt ist, neben ihnen zu leben, zu sein, Dorf, Stadt, Land, das ganze deutsche Reich, selbst das Getier kennt sie, die Handwerker des Mordes! Der Mensch sieht sein Blut an ihren Fingern kleben, wo immer er sie antrifft.

Wir besteigen rasch und lautlos die Autos. Einige Posten mit schußfertigem Gewehr setzen sich links und rechts vom Eingang nieder. In rascher Fahrt verlassen wir das Polizeigefangenenhaus. Es geht durch das belebte München zur Dachauerstraße, von dort ins Lager Dachau !

18 km fahren wir, ohne daß wir uns vom Platz rühren dürfen, durch das Spalier trostloser Menschenhaufen. Sie schauen uns mit-

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